Das Verhältnis der beiden Nachbarn, Finnland und Russland, ist kompliziert. Präsident Niinistö gibt erstmals seit dem Überfall auf die Ukraine deutschen Journalisten ein Interview.
ZDFheute: Wie überrascht waren Sie am 24. Februar, als Russland die Ukraine angriff?
Sauli Niinistö: Sehr, sehr überrascht. Es gar zwar Warnungen amerikanischer und britischer Geheimdienste schon im vergangenen Dezember. Aber an einen Überfall auf einen anderen Staat, um ihn auszulöschen, daran habe ich nicht geglaubt.
ZDFheute: Herr Präsident, Sie kennen den russischen Präsidenten, Wladimir Putin, schon sehr lang. Hat er sich verändert?
Niinistö: Es ist schwierig, darauf eine Antwort zu finden. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie Putin sich äußert, in seinen Reden, auch in den Monologen, die er gerne Besuchern gegenüber hält. Ich würde sagen, sein Ton hat sich verändert. Da ist viel Frustration, viel Bitterkeit, Hass sogar. Vielleicht sind diese Gefühle im Laufe der Zeit immer stärker geworden.
Putin glaubt, Russland sei in den 1990er Jahren betrogen worden.
Sauli Niinistö, Präsident von Finnland
Jemand hat mal gesagt, Putin glaubt, er sei zur Zeit im Krieg mit dem Westen.
ZDFheute: Wie zufrieden sind Sie mit den Sanktionen gegen Russland?
Niinistö: Es gibt ziemlich strenge Sanktionen, und wir alle im Westen leiden darunter. Aber dennoch, glaube ich, sind diese Sanktionen der einzige Weg, Putin zur Ordnung zu rufen.
Und wir müssen noch mehr und noch stärkere Sanktionen verhängen, jetzt muss es an die Energielieferungen gehen.
Sauli Niinistö, Präsident von Finnland
Denn das wird Russland besonders hart treffen. Aber natürlich uns, den Westen, auch.
Über Finnland, das Land im hohen Norden, ist wenig bekannt: Welche Ereignisse prägten seine Geschichte, durch welche Prüfungen ging es auf dem Weg zur Unabhängigkeit, und welche Werte bestimmen seine Identität?
ZDFheute: Welche Schlussfolgerungen zieht Finnland aus dem Überfall Russlands, was die nationale Sicherheit angeht?
Niinistö: Die Regierung erstellt bis Ostern sogenannte 'White Papers' - eine Art Für und Wider an Argumenten in Sachen möglicher Nato-Beitritt. Dann wird das Parlament darüber debattieren und schließlich auch abstimmen. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass sich im Parlament eine große Mehrheit, vielleicht zwei Drittel, für einen Antrag Finnlands, der Nato beizutreten, finden wird. [Anmerkung der Redaktion: Nach den Beratungen im Parlament machen Regierung und Präsident ihre Position öffentlich. Und dann stimmt das Parlament darüber ab. Im Idealfall sind dann alle im Konsens - letzterer muss gefunden werden.]
Aber ich finde, wir sollten diesen Weg der Debatte gemeinsam mit Schweden gehen.
Sauli Niinistö, Präsident von Finnland
Es steht fest, dass es kein Zurück gibt, wenn die Entscheidung einmal getroffen sein wird.
Der russische Angriff auf die Ukraine wird auch in Finnland mit großer Sorge beobachtet. Mit Blick auf den Nachbarn wollen sie nun militärisch aufstocken.
ZDFheute: Was ist Ihrer Meinung nach ein erstes Ergebnis dieses Krieges bislang?
Niniistö: Seit den Verbrechen in Butscha hat sich der Widerstand gegen Russland weltweit verändert. Es heißt nun: "Stoppt Russland", nicht mehr "Verhindert, dass Russland Menschen tötet". Ich verstehe sehr gut die Ängste vor einer Eskalation.
Wir müssen sehr vorsichtig sein. Sonst sehen wir das, was in der Ukraine passiert, überall.
Sauli Niinistö, Präsident von Finnland
ZDFheute: Sehen Sie Finnland in Gefahr?
Niinistö: Nicht speziell Finnland, sondern wir alle, wenn es eine Eskalation geben sollte. Da wird niemand verschont bleiben.
Krieg in Europa: Die Nachbarstaaten der Ukraine bangen mit, zwischen Solidarität und Kriegsangst. So auch die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen.
ZDFheute: Welche Bedeutung hat die Debatte um eine mögliche Nato-Mitgliedschaft Finnlands in Ihrem Land?
Niniistö: Es wird eine der wichtigsten Entscheidungen in der finnischen Geschichte werden, wenn sich im Parlament eine Mehrheit findet, sich um die Aufnahme in die Nato zu bemühen. Und ich kann mir auch vorstellen, dass einige Nato-Mitglieder die Aufnahme Finnlands in die Nato schnell befürworten würden. Übrigens war die Kehrtwende Deutschlands, was seine Verteidigungspolitik angeht, sehr wichtig.
Auch die deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine sind ein wichtiges Zeichen.
Sauli Niinistö, Präsident von Finnland
ZDFheute: Wie reagieren die Finnen auf den Krieg in der Ukraine und die Drohungen Russlands auch Finnland gegenüber?
Niinistö: In Umfragen sagen 70 Prozent der Finnen: 'Ich würde für mein Land kämpfen.' Das ist die höchste Rate in Europa. Wir haben eine lange Geschichte als Nachbarn der Sowjetunion beziehungsweise von Russland. Wir wissen, mit allen 'Fake News' der Russen umzugehen. Und die Erinnerung an den Winterkrieg 1939/40 mit der Sowjetunion ist immer noch präsent - in allen Generationen.
ZDFheute: Herr Präsident, was halten Sie von Neutralität?
Wir sind nicht neutral, wir sind nur militärisch nicht gebunden. Die EU ist ein starkes Bündnis für Finnland.
Sauli Niinistö, Präsident von Finnland
Niinistö: Wir sind seit 1994 Mitglied der EU und sehen uns als Teil der westlichen Welt. Was eine Neutralität für die Ukraine als Möglichkeit, den Krieg zu beenden angeht, so bin ich noch zu keinem Urteil gekommen. Ich kann noch nicht einschätzen, ob das funktionieren könnte.
Das Interview führte Heike Kruse, sie ist ZDF-Korrespondentin für Nordische Länder.
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