Urlaube in Luxushotels und Vermögen in Briefkasten-Firmen: Zypern ist so abhängig von russischem Geld wie kaum ein Staat. Braucht das ganze Land nun ein neues Geschäftsmodell? Eine Reise auf die Russen-Insel.
Die Frage provoziert einen Moment Stille, das Gesicht von Michalis Constantinou verliert die Spannung. Der Edel-Juwelier wirkt ratlos, überlegt, schaut sich in seinem Geschäft um: Auf der einen Seite, in einer weiÃen Vitrine, funkeln die Ketten von Fope, hinter einer goldumrandeten Glasscheibe blitzt der Schmuck von Carrera Y Carrera. Welche Ringe, Ketten, Uhren mögen die reichen russischen Kunden denn nun besonders gerne?
Constantinous Gesicht spannt sich wieder, er antwortet: âIch verkaufe nur noch Marken, die meine russischen Kunden mögen.â Und fügt hinzu: âWir haben doch die ganze Stadt auf die Russen ausgerichtet.â Die ganze Stadt: Das ist Limassol, die zypriotische Hafenmetropole. Sie steckt in der Bredouille â" so wie das ganze Land.
Die Russen waren die besten Kunden
Viele europäische Staaten sind von Russland abhängig, weil sie Ãl aus dem Riesenreich in den Motoren ihrer Autos und Gas in den Ãfen ihrer Kraftwerke verfeuern. Aber kaum ein westlicher Staat ist so umfassend auf russisches Geld angewiesen wie Zypern. Hier verbrachten reiche Russen ihren Urlaub, hier befeuerten sie einen Bauboom, hier parkten sie ihr Geld in Briefkastenfirmen â" bis die Soldaten von Präsident Wladimir Putin in der Ukraine einfielen.
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Jetzt ist Zypern ein Land im Wartestand: Die Regierung trägt die Sanktionen gegen Russland mit, während die Geschäftsleute darauf hoffen, dass die Russen möglichst rasch zurückkehren. Ihnen bleibt kaum etwas anderes übrig: Sollten die Russen dauerhaft ausbleiben, hat sich ihr bisheriges Geschäftsmodell erledigt â" so wie das des ganzen Landes.
Zypern ohne Russen? âKatastrophalâ
Juwelier Constantinou setzt sich auf einen weiÃen Stuhl an einem weiÃen Tisch, der auf einem weiÃen Steinboden steht. Er selbst wirkt wie der Kontrast zu seinem Geschäft: Constantinou trägt zur schwarzen Hose ein schwarzes Shirt und ein schwarzes Jackett, obwohl er nun von dem symbiotischen Bund zwischen ihm und den Russen berichtet.
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Vor 20 Jahren hat er sein Geschäft an der KüstenstraÃe in Limassol eröffnet. âIch habe es immer wieder erweitertâ, sagt er, und deutet auf die Bereiche hinter und neben ihm: Von der Decke baumeln goldene Kronleuchter, an ihnen hängen eiergroÃe Diamanten-Attrappen, die mit Ketten und Ringen um die Wette blitzen. Seine Geschäfte liefen so gut, dass er weitere Läden eröffnet hat: im Four Season´s, im Amathus Beach und im Parklane Resort & Spa, allesamt Nobel-Hotels in Limassol.
Die Russen haben Constantinous Expansion erst ermöglicht: âSie waren stets meine besten Kunden, haben 50 Prozent meiner Einnahmen ausgemachtâ, sagt er. Der Juwelier schwärmt von ihrer âKäufermentalitätâ: Russische Millionäre seien bereit, doppelt so viel Geld auszugeben wie Reiche aus anderen Ländern. Jetzt bricht es aus ihm heraus: âEs ist katastrophal, wenn die Russen nicht mehr kommen. Ohne sie existiert zu viel â" von allem.â
Kyrillische Speisekarten, russische Schulen
Das gilt besonders für Limassol: Die Stadt gilt wahlweise als âLimassolgradâ oder als âMoskau am Mittelmeerâ, weil die Russen sie derart schätzen. Einige Tausend von ihnen wohnen dort sogar â" Resultat einer jahrzehntelangen Liaison.
Im Kalten Krieg unterstützte die Sowjetunion die Zyprioten, als die ihre britischen Kolonialherren bekämpften. Später knüpfte der erste Präsident der Insel Bande gen Moskau und galt fortan als Castro des Mittelmeers â" eine Anspielung auf den Kommunisten und Diktator Fidel Castro, der jahrzehntelang über die Insel Kuba herrschte. Nach dem Ende der Sowjetunion siedelten die ersten Russen nach Zypern über, dazu trug auch der orthodoxe Glaube in beiden Ländern bei. Inzwischen reichen Limassols Restaurants kyrillische Speisekarten, können Kinder dort russische Schulen besuchen und deren Eltern in russischen Supermärkten einkaufen.
Der Einfluss der Russen beschränkt sich nicht auf Limassol, das ganze Land ist auf sie angewiesen: Jeder fünfte Tourist stammte bislang aus Putins Reich. Längst sind die Russen auch in anderen Branchen zu einer GröÃe herangewachsen, etwa im Immobilienmarkt.
Bau-Boom auf Zypern
George Dokuchaev zögert keine Sekunde: Der Pool sei sicherlich mehr als 30 Meter lang, meint er, als er in der Sonne vor dem âEden Rocâ in Limassol steht, einem weià gestrichenen Neubaukomplex mit mehr als 100 Wohnungen. Dokuchaev, ein aufgekratzt wirkender, rundlicher Russe mit strengem Blick, amtiert als Geschäftsführer der Prime Property Group. Das Immobilienunternehmen sieht sich als einen der gröÃten Projektentwickler der Insel, der Werbespruch lautet: âWir bauen eine bessere Zukunft.â Wie diese aussieht, zeigt Dokuchaev im âEden Rocâ.
Der Russe ist in die Vorführwohnung getreten: Sie ist 116 Quadratmeter groÃ, zwei Schlafzimmer, zwei Marmorbäder, ein Kinderzimmer â" und durch die Fensterfront blicken Besucher auf die Orangen- und Zitronen-Bäume vor dem AuÃenpool. Bei schlechtem Wetter können sich die Bewohner gleichwohl in das Indoor-Schwimmbecken zurückziehen. Die Luxus-Lodgen â" der Quadratmeter kostet 8.000 bis 10.000 Euro â" belegen, wie sich der Immobilienmarkt entwickelt hat.
Der Westen bekommt Russlands Superreiche kaum zu fassen. Denn die wissen nicht nur Milliarden zu scheffeln â" sondern sie auch zu verstecken.
von Max Haerder, Maxim Kireev, Andreas Macho, Vinzenz Neumaier, Volker ter Haseborg, Cornelius Welp, Sascha Zastiral, Lukas Zdrzalek
Er war nach der zypriotischen Bankenkrise 2013 eingebrochen. Doch vor Ausbruch der Corona-Pandemie hatte er sich wieder erholt, boomte sogar: 2019 erteilten die Behörden so viele Baugenehmigungen wie seit Jahren nicht mehr, die Preise zogen an.
Zugleich wünschen sich Interessenten immer luxuriösere Bleiben. Noch vor zehn Jahren, sagt Dokuchaev, hätten sich Käufer vor allem zwischen âbilligenâ Wohnungen entscheiden müssen. Die Treiber hinter der Entwicklung in der Entwicklung? Dokuchaev: âDas waren die Russen.â Teils seien 50 Prozent seiner Kunden Untertanen Putins.
Von dem Wandel zeugen neben dem âEden Rocâ die zahlreichen unfertigen Wohntürme, die entlang der Limassoler KüstenstraÃe in den blauen Himmel ragen. Dokuchaevs Prime Property Group baut neben dem âEden Rocâ das âMarco Poloâ, ein Hochhaus mit mehr als zehn Etagen am Meer. Ein Apartment mit zwei Schlafzimmern kostet: 3,75 Millionen Euro. Bricht der Markt nun abermals ein â" ohne die russischen Käufer?
Die Folgen wären weitreichend: Zyperns Banken sind stark bei Immobilien engagiert. Zwar haben sich die Geldhäuser seit der Krise 2013 erholt, aber sie sind nicht gesundet. Die Ratingagentur S&P sieht das zypriotische Finanzsystem auf dem Niveau des georgischen, jordanischen und griechischen. Das Problem: In den Bilanzen von Zyperns Banken stapeln sich weiterhin zu viele faule Kredite. Dokuchaev gibt sich derweil optimistisch â" und setzt auf die Kreativität seiner Landsleute.
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