Krieg in der Ukraine: Gegengewalt ist keine Lösung, meint Hannovers Landesbischof Meister


Herr Bischof Meister, der Überfall Russlands auf die Ukraine hat auch bei Christen viele Gewissheiten erschüttert. Sie selbst schrieben, jetzt sei auch in unserer Nachbarschaft das Böse in Erscheinung getreten. Was haben Sie damit gemeint?

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In einem Krieg wird eine Seite des Menschen sichtbar, die wir in den langen Friedenszeiten oft ausblenden: Der Mensch schafft Gutes wie Böses. Er hat eine höchst destruktive Kraft der Gewalt und Zerstörung in sich. Es war in der Theologie lange Zeit selbstverständlich, von dieser Sünde, dem menschlichen Unvermögen, gottwohlgefällig zu leben, zu sprechen. Diese Macht des Bösen ist immer eine Gefährdung für das menschliche Zusammenleben schlechthin. Das ist für uns in Vergessenheit geraten und wird uns jetzt in besonders brutaler Weise wieder bewusst gemacht.

Nun werden plötzlich alte, lange Zeit in Misskredit stehende „Tugenden" revitalisiert. Selbst grüne Politiker oder frühere Zivildienstleistende preisen den Kampfgeist oder die Wehrhaftigkeit der Ukrainer und ihres Präsidenten Selenskyj. Viele wollen die Pflugscharen wieder zu Schwertern machen. Ist das eine zwangsläufige Entwicklung oder eine völlig falsche?

„Das Böse einhegen"

Die einzige Zukunft des Menschen auf diesem Erdball liegt in einem friedlichen und gerechten Zusammenleben. Dafür aber müssen wir das Böse einhegen, begrenzen, überwinden. Waffenlieferungen kann ich eigentlich nicht gutheißen. Denn sie verschärfen natürlich einen Zustand, zu dem es eigentlich nie kommen sollte – den Krieg. Aber es ist eine Situation in der Ukraine durch die Aggression der russischen Armee entstanden, in der aus pragmatischen Gründen Waffenlieferungen an die Ukraine notwendig sein müssen – zur Einschränkung von Gewalt und um die Opfer vor lebensbedrohlichem schwerem Unrecht zu schützen.

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Nun sagen die alten Lateiner, wenn du den Frieden erhalten willst, bereite dich auf den Krieg vor. Das war die Logik der Nachkriegszeit, das war die Logik der Abschreckung. Muss das jetzt unsere neue Logik sein beziehungsweise werden?

Dem würde ich klar widersprechen. Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten. Auch wenn er mit dem Bösen zu rechnen hat. Das heißt nicht, dass man nicht Korrekturen an der Sicherheitsarchitektur vornimmt, wie es jetzt die Bundesrepublik und die Nato tun. Aber man muss sich gleichzeitig mit aller Kraft bemühen, wieder auf friedlichem Wege zu einem Waffenstillstand und einem Ende des Krieges zu kommen.

Peace-Zeichen auf einer Demonstration: „Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten", sagt Landesbischof Meister.

Was für Wege wären das?

Alle diplomatischen Wege müssen genutzt werden, um das Kriegsgrauen in der Ukraine zu beenden. Ein Krieg ist immer ein Versagen des Guten, eine Zerstörung von Vertrauen. Natürlich stellt sich die Frage, wie kann man mit einem offenbar völlig abgehobenen und auch abgeschotteten Machtapparat in Moskau überhaupt ins Gespräch kommen? Und wie kommt man zu Lösungen, in denen das feindliche Gegenüber nicht vollständig sein Gesicht verliert? Da wird man, so schwer es fällt, Kompromisse machen müssen, um die Gewalt schnell beenden zu können.

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Putin, der jetzt schon in die Annalen als Aggressor und Kriegsverbrecher eingehen wird, begründet sein völkerrechtswidriges Handeln mit der großrussischen Geschichte. Wie kann man auf das Gute setzen, wenn einem das Böse geradezu gegenübersitzt? Mir fallen Analogien zum Zweiten Weltkrieg ein, zu dessen Beginn Hitler auch von einem angeblichen Überfall Polens schwadronierte.

„Menschen legen sich Geschichte zurecht"

Ich habe mit solchen geschichtlichen Analogien meine Schwierigkeiten. Interessanter finde ich Analogien, mit denen Menschen sich Geschichte zurechtlegen, etwa das Phänomen der „erfundenen Traditionen". Menschen, Gesellschaften und Völker leben aus erfundenen Traditionen. Das geschieht seit einigen Jahrzehnten in Russland mit der Anknüpfung an die Vorstellung eines imperialen Großreiches. In einem völkischen Mystizismus wird das zaristische Russland idealisiert und mit einer starken orthodoxen Kirche als Bindeglied versehen, inklusive einer Ausweitung des „Herrschaftsbereichs". Diese erfundenen Traditionen erleben wir in vielen Diktaturen, auch im Nationalsozialismus. Aber diese Modelle sind ein gefährlicher Bazillus, der Menschen Legitimationen bietet für Aggression und Unterdrückungen. Damit umzugehen ist eine große Herausforderung, weil sie gleichzeitig identitätsbildend für Nationen sind.

Zur Person

Ralf Meister ist seit 2011 Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, der größten protestantischen Kirche in Deutschland. Seit 2018 ist er auch Leitender Bischof der lutherischen Kirchen in der Bundesrepublik. Der 1962 in Hamburg geborene Theologe wurde einer breiteren Öffentlichkeit als einer der Sprecher des „Wortes zum Sonntag" bekannt und fiel zuletzt durch differenzierte Stellungnahmen zum Thema Sterbehilfe auf. Seit September 2020 ist Meister auch Abt des Klosters Loccum. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat drei Kinder.

Aber empfindet man nicht eine große Wut, wenn man sieht, dass für solche imperialen Träume Menschen getötet werden, bedeutende Städte einfach zusammengeschossen werden, dass Raketen auf Kliniken, Theater, Wohnblocks abgefeuert werden?

Ja, ich empfinde diese Wut auch. Ich finde, wir müssen auch über unsere Wut und unseren Zorn reden. Sie sind da und verwirren uns, weil sie uns selbst aggressiv machen. Ich war im syrischen Krieg in der Stadt Homs, die völlig zerstört war durch Bomben, wie es jetzt wohl Mariupol ist. Es sind grauenvolle Bilder. Sie wecken tiefes Mitgefühl für die Menschen dort und zugleich auch meinen Zorn. Eine Geschichte von Wolfgang Borchert kam mir in Erinnerung, „Die drei dunklen Könige". Über einen wütenden, verzweifelten Mann im Unheil des Zweiten Weltkriegs, der gerade Vater geworden ist, schreibt Borchert: „Er hatte kein Gesicht für seine Faust." Viele sehen als Gesicht des Bösen für ihren Zorn das Bild Wladimir Putins und wünschen sich den Tyrannenmord. Doch damit setzen wir die Gewalt fort – und die tödliche Dynamik dieses Krieges.

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Aber in diesem Fall ist doch völlig klar, wer der Aggressor ist ...

Ja, Putin ist zweifellos der Aggressor. Aber indem wir Wut und Zorn auf ein ganzes Volk oder einen Mann richten, setzen wir die Eskalation fort. Wir übergeben damit dem Bösen die Regie. Waffenlieferungen an die Ukraine können gerechtfertigt werden, ebenso wie eine Erhöhung des Etats der Bundeswehr. Aber man sollte sich hüten, diese politische Reaktion moralisch zu überhöhen – bei aller nachvollziehbaren Wut und Empörung über diesen Krieg.

Bei manchen Appellen, die der ukrainische Präsident Selenskyj mit seiner Forderung nach Waffen oder der Einrichtung einer Flugverbotszone an die Deutschen gerichtet hat, kann man das Gefühl bekommen, als stünden wir oder der deutsche Pazifismus auf der Anklagebank ...

„Es ist ein entsetzliches Dilemma"

Wenn wir die Bilder aus der Ukraine sehen und die Appelle von Präsident Selenskyi hören, ist völlig klar: Wir alle werden schuldig in diesem Krieg. So oder so. Folgen die Nato-Staaten den Aufrufen des ukrainischen Präsidenten, verschulden sie eventuell eine Eskalation, die die ganze Welt umfassen wird. Bleiben wir bei der jetzigen Haltung, sterben weiter unschuldige Menschen in der Ukraine. Es bleibt ein entsetzliches Dilemma.

Messebahnhof in Hannover-Laatzen: Flüchtlinge aus der Ukraine stehen nach ihrer Ankunft mit einem Sonderzug an einem Informationsschalter.

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Sie plädieren also für eine Art moralischer Abrüstung in dieser aufgeheizten, tragischen Situation?

Ja, der übergroße moralische Druck, der auch durch die Medien verstärkt wird, darf nicht zum Maßstab für das notwendige Handeln werden. Man muss sich in gewisser Weise davon distanzieren und nüchtern analysieren, was getan werden muss, um das Leid der Menschen nicht größer werden zu lassen. Die erste Haltung ist die Solidarität und Hilfe für die Opfer des Krieges. Viele unserer Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen arbeiten eng mit den Kommunen zusammen – „Niedersachsen packt an" auf lokaler Ebene sozusagen – um den Geflüchteten neben Wohnung, Kleidung und Grundversorgung auch geistliche Unterstützung zu geben. Unglaubliches entsteht: Begegnungscafés, blau-gelbe Treffpunkte in Gemeindehäusern, auf der Messe in Hannover stehen Seelsorgende bereit. Wir laden in unsere Kirchen ein zu Andachten und Gottesdiensten. Das Engagement ist groß. Damit einher geht auch das Bemühen um verbale Abrüstung. In unseren Gemeinden wird seit Wochen unablässig für den Frieden gebetet. Ich bin überzeugt, dass Gebete auch unser Denken und Reden verändern. Bilder oder Gefühle, die etwa zu Anfeindungen gegen russischstämmige Menschen in Deutschland führen, dürfen uns nicht beherrschen.

Was verstehen Sie unter „Zeitenwende"?

„Eine Grunderschütterung alter Sicherheiten"

Der vom Bundeskanzler Scholz verwendete Begriff der „Zeitenwende" bedeutet für mich eine Grunderschütterung alter Sicherheiten. Kinder, Jugendliche und Erwachsene bis in meine Generation waren nie zuvor mit der realen Bedrohung eines Krieges konfrontiert. Senioren müssen sich erneut mit längst überwundenen Ängsten und Traumata auseinandersetzen, die sie aus eigenem Kriegserleben in sich tragen. Und gleichzeitig, und das ist bewegend, führen diese Wochen, nicht nur in Deutschland, eine durch die Pandemie erschöpfte und zerstrittene Gesellschaft im Einstehen für den Frieden und Solidarität wieder zusammen. Wir bleiben fähig zur Empathie und zur Solidarität.

Zerstörungen in Mykolajiw in der Ukraine: „Niemand kann wollen, dass wir uns an den Krieg und seine weitere Eskalation gewöhnen", sagt der Landesbischof.

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Wie kommt man aus dem Krieg heraus?

Es wird zu verstärkten Verhandlungen um einen Waffenstillstand kommen müssen, damit der furchtbare Krieg nicht weiter und weiter eskaliert. Sicherlich wird es schwierig sein, mit einem offenbar völlig entrückten Diktator ins Gespräch zu kommen, aber die Diplomatie muss wieder ins Spiel kommen. Niemand kann wollen, dass wir uns an den Krieg und seine weitere Eskalation gewöhnen. Für uns Deutsche ist es wichtig, dass wir uns jetzt bei uns um die Flüchtenden und Vertriebenen kümmern. Auch unsere Kirche wird dazu einen Beitrag leisten.

Apropos Kirche: In Russland spielt der Moskauer Patriarch Kyrill, der von bösen Mächten spricht und den Westen verteufelt, eine kriegstreiberische Rolle ...

Ja, Kyrill spielt eine fatale Rolle. Er unterstützt, dass kriegerische Gewalt auch mit religiösen Argumenten propagiert wird. Aber er spricht gottlob nicht für alle Orthodoxen. Die Kirchen werden weltweit alles daran setzen müssen, dass dieser Krieg beendet wird, wie es Papst Franziskus und andere tun. Wir müssen solchen öffentlichen Taten und ihren religiösen Begründungen, wie Kyrill sie äußert, widersprechen und uns dagegen stellen. Es wird im Herbst, wenn der Ökumenische Weltrat der Kirchen in Karlsruhe tagt, gewiss eine Auseinandersetzung mit der russisch-orthodoxen Kirche geben. Da bin ich mir sicher. Bis dahin bleibt es die Aufgabe der Kirchen und Religionsgemeinschaften, widerständig zu sein. „Selig sind, die Frieden stiften" heißt es in der Bergpredigt. Das ist unsere Aufgabe.

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