Ukraine: Erste prominente Russen kehren ihrem Land aus Protest den Rücken


Der Rücktritt von Anatoli Tschubais sorgte international für Schlagzeilen. Er ist der bisher höchstrangige russische Politiker, der aus Protest gegen den Angriffskrieg von Wladimir Putin seinen Job aufgegeben und das Land verlassen hat. Als Sonderbeauftragter für Beziehungen zu internationalen Organisationen stand er lange in engem Kontakt zum Präsidenten. Bekannt ist er in seiner Heimat seit fast drei Jahrzehnten – schon unter Boris Jelzin hatte er wichtige Posten inne.

Auch andere prominente Persönlichkeiten haben die Invasion in die Ukraine öffentlich verurteilt und sich von Funktionen in staatlichen Institutionen und Unternehmen zurückgezogen. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass die Elite in Moskau im Hinblick auf den Krieg durchaus gespalten ist.

Putin bezeichnete alle, die sich seinem Kurs entgegenstellen, vor gut einer Woche als „Abschaum und Verräter". Sie würden von der russischen Gesellschaft einfach ausgespuckt „wie eine Müc ke", sagte er. Nicht alle lassen sich von der aggressiven Propaganda einschüchtern.

Anatoli Tschubais – der Architekt der Privatisierungen unter Jelzin

Am Mittwoch bestätigte der Kreml Medienberichte über den Rücktritt von Tschubais, der als Architekt der weitreichenden Privatisierungen unter Jelzin in den 90er-Jahren gilt. In den Berichten hatte es unter Verweis auf anonyme Quellen geheißen, der 66-Jährige sei wegen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine zurückgetreten. Er selbst hat sich bisher nicht öffentlich geäußert.

Anatoli Tschubais, damaliger Leiter der staatlichen russischen Beteiligungsgesellschaft Rusnano, während eines Nanotechnologie-Forums in Moskau im Jahr 2009

Quelle: dpa/epa Mikhail Metzel Pool

Während der Präsidentschaft von Jelzin soll Tschubais sich dafür ausgesprochen haben, den zu dieser Zeit noch weitgehend unbekannten Putin in die Regierung zu holen. Wenige Jahre später, nachdem Jelzin zurückget reten war, wurde Putin dessen Nachfolger. Tschubais war von 1994 bis 1996 stellvertretender Ministerpräsident und von 1997 bis 1998 Erster stellvertretender Ministerpräsident.

Die russische Zeitung „Kommersant" berichtete am Mittwoch, dass Tschubais in Istanbul gesehen worden sei. Sie veröffentlichte auch ein Foto von einem wie Tschubais aussehenden Mann, der vor einem türkischen Geldautomaten stand. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs vor mehr als vier Wochen haben sich bereits etliche Bürger des Landes nach Istanbul abgesetzt.

Arkadi Dworkowitsch: „Kriege sind das Schlimmste, was einem im Leben passieren kann"

Auch Arkadi Dworkowitsch war einige Jahre einer der stellvertretenden Ministerpräsidenten Russlands. Aktuell ist er Präsident des Internationalen Schachverbands Fide. Am 14. März hatte er sich gegenüber dem US-Magazin „Mother Jones" kritisch zum Krieg gegen die Ukraine geäußert. Daraufhin wurde er von der Kreml-Partei Einiges Russl and stark unter Druck gesetzt.

Arkadi Dworkowitsch während einer Pressekonferenz im Jahr 2018

Quelle: pa/dpa/Pavel Golovkin

„Kriege sind das Schlimmste, was einem im Leben passieren kann", sagte Dworkowitsch. Und das gelte für jeden Krieg, egal wo. Durch Kriege würden nicht nur Menschen getötet. „Kriege töten Hoffnungen und Ambitionen. Beziehungen und Verbindungen werden eingefroren oder zerstört, auch in diesem Krieg."

Dworkowitsch fügte hinzu, dass sein Verband Fide dafür sorge, „dass es keine offiziellen Schachaktivitäten in Russland oder Belarus" gebe und „Spieler bei offiziellen oder gewerteten Veranstaltungen nicht für Russland oder Belarus antreten" dürften, bis der Krieg vorbei sei und auch ukrainische Schachspieler wieder dabei seien. Ein russischer Schachspieler, der sich öffentlich für Putin und dessen Invasion ausgesprochen hatte, wurde von Fide für sechs Monate gesperrt.

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Zwei Tage nach der Veröffentlichung der Aussagen forderte ein führendes Mitglied der Partei Einiges Russland, dass Dworkowitsch vom Posten des Vorsitzenden der staatliche n Skolkowo-Stiftung gefeuert werde. Vergangene Woche teilte die Stiftung mit, dass sich Dworkowitsch zur Niederlegung des Amtes entschieden habe.

Moderatorin Lilia Gildejewa entschied am ersten Tag der Invasion, „das alles zu beenden"

Bis Februar zählte Lilia Gildejewa zu den bekanntesten Gesichtern des staatlich finanzierten Fernsehsenders NTW, der seit zwei Jahrzehnten gefügsam die Linie des Kremls ausstrahlt. Kurz nach Beginn des Angriffskriegs kündigte sie und verließ das Land. In der zurückliegenden Woche sagte sie der unabhängigen Nachrichtenwebsite „The Insider", sie habe am ersten Tag der Invasion entschieden, „das alles zu beenden".

„Es war ein unmittelbarer Nervenzusammenbruch", erklärte Gildejewa. „Mehrere Tage konnte ich mich nicht aufraffen. Der Entschluss war wohl sofort klar. Es würde keine Arbeit mehr geben." Die Berichterstattung der russischen Staatsmedien werde streng von den Behörden kontrolliert, Sender bekämen Anweisu ngen von Regierungsvertretern, sagte sie.

Gildejewa räumte ein, seit 2014, als Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektierte und mit der Unterstützung von Separatisten in dem Nachbarland begann, bei dem System mitgemacht zu haben. „Wenn man sich schrittweise hingibt, bemerkt man nicht die Tiefe des Falls", sagte sie. Und irgendwann befinde man sich dann in einer Situation wie der, die zum Beginn des Krieges am 24. Februar geführt habe.

Nachrichtensprecherin Schanna Agalakowa: „Man nimmt belastbare Fakten, vermengt sie, und es entsteht eine große Lüge"

Die russische Journalistin Schanna Agalakowa war mehr als 20 Jahre für den staatlichen Sender Channel One tätig – als Nachrichtensprecherin und später als Korrespondentin in Paris, New York und anderen westlichen Städten. Nach Berichten über ihre Kündigung gab sie vor wenigen Tagen in Paris eine Pressekonferenz, bei der sie ihren Rückzug bestätigte und begründete.

„Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir im Fernsehen, in den Nachrichten, nur noch die Story einer einzigen Person sehen – oder die von der Gruppe von Leuten um ihn herum", sagte Agalakowa. „Wir sehen nur die, die an der Macht sind. Das Land kommt in den Nachrichten nicht vor. Russland kommt in den Nachrichten nicht vor."

Zu russischen Übergriffen in der Ukraine seit 2014 sagte sie, dass sie keine Chance gehabt habe, sich „vor der Propaganda zu verstecken" – auch nicht als Auslandskorrespondentin. Sie habe nur noch „über schlechte Dinge, die in den USA passieren", sprechen dürfen. „Meine Berichte enthielten keine Lügen. Aber genau so funktioniert Propaganda: Man nimmt belastbare Fakten, vermengt sie, und es entsteht eine große Lüge. Die Fakten stimmen, aber die Mischung ist Propaganda."

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