Die Statue des Stadtgründers Richelieu ist in guten Zeiten Odessas Treffpunkt für Touristen und Flaneure. Jetzt sollen Sandsäcke ihre Zerstörung verhindern. Bild: Reuters
Die Russen wollen nach Odessa, um die Ukraine vom Schwarzen Meer abzuschneiden. In der Stadt sagen sie, dass Putin sich das zu einfach vorstelle. Doch im nahen Mykolajiw tobt längst der Kampf.
In den Wohnhäusern von Mykolajiw sind viele Fenster mit Brettern verbarrikadiert, andere wenigstens mit Pappe und Klebeband abgedunkelt. Und manche Bewohner haben einfach Kuscheltiere auf die Fensterbänke gesetzt. Sie schauen mit ihren unschuldigen Augen nach draußen, in die Kälte und in den Krieg, und flehen stumm: Verschont uns, hier sind Kinder!
Doch der Feind sieht das nicht, wenn er angreift. Die russischen Soldaten haben sich an diesem eisigen Freitag wenige Kilometer entfernt verschanzt, schießen ihre Raketen vom östlichen Rand der südukrainischen Großstadt ab. In der Nacht werden sie ihre Attacken noch ausweiten. „Die Besatzer haben nachts mit wahllosem, chaotischem Feuer Krankenhäuser und Internate beschossen", wird Gouverneur Witalij Kim am Samstag mitteilen.
Schon am Freitag hört man immer wieder Raketen. Je stärker der kalte Wind durch die verlassenen Straßen fegt und sich zum Schneesturm auswächst, desto schwerer wird es, die Entfernung der Einschlagsorte abzuschätzen. Etliche Häuser und Straßen sind längst zerstört. Ganze Stadtteile sind nicht mehr zugänglich. „Weiterfahren ist zu gefährlich", verkündet ein Soldat an einer Straßensperre. Er duldet keinen Widerspruch: „Bitte sofort umkehren! Die Straße ist gesperrt."
Manche sind schon tot, wenn sie im Krankenhaus ankommenIm Hintergrund wieder die Geräusche von Explosionen, in der Nähe das Rauschen der vom ukrainischen Militär abgefeuerten Raketen. Auf den Straßen fahren nur noch wenige Autos, dafür Panzer und Militärfahrzeuge. Fotografieren darf man sie nicht. Die Soldaten fürchten, dass die Russen ihre Positionen erfahren.
Ein Video vom 12. März zeigt den Einschlag einer Rakete zwischen einigen Wohnhäusern in Mykolajiw. : Bild: via REUTERSNoch nicht einmal der Name oder der Standort des örtlichen Krankenhauses soll in der Zeitung erscheinen, bittet Chefarzt Wadim Maximow. Jeden Tag werden Verwundete eingeliefert, Hunderte in den vergangenen beiden Wochen. „Hauptsächlich behandeln wir Schuss- und Splitterwunden. Manche Patienten sind bereits tot, wenn sie hier eintreffen", berichtet der Mediziner der F.A.Z. Maximow ist eigentlich Russe. Er wurde in Moskau geboren, noch zu Zeiten der Sowjetunion, wuchs aber in der Ukraine auf. Er habe beide Pässe, aber, das ist ihm ganz wichtig, er sei kein Faschist!
Auch seine Frau ist Ärztin. Seit Kriegsbeginn arbeiten beide ohne Unterlass. Als wäre die Lage im Krankenhaus nicht angespannt genug, kamen am Donnerstag noch die Bilder aus dem südostukrainischen Mariupol hinzu, böse Vorboten aus gut 400 Kilometer Entfernung. In der Hafenstadt hatten russische Soldaten eine Geburtsklinik bombardiert. „Eine Horrorvorstellung", sagt Chefarzt Maximow knapp.
Täglich um 12.00 Uhr
ANMELDENDie 39 Jahre alte Anna liegt im Zimmer direkt neben seinem Büro im fünften Stock der Klink. Am Mittwoch hatte eine Rakete ihr Haus in einem Vorort Mykolajiws getroffen. Sie hatte Glück zu überleben, nur ihr rechter Arm ist verletzt. „Hier ist nichts mehr normal", sagt sie. „Eine der größten Armeen der Welt steht vor unserer Stadt. Und auch wenn unsere Soldaten tapfer für unsere Sicherheit kämpfen, macht mir das panische Angst." Ob die Russen Mykolajiw bald eingenommen haben werden? Chefarzt Maximow holt tief Luft. Eine lange, unangenehme Pause folgt. Eben noch hatte der Arzt in einem fort geredet, hatte Hilfe der NATO gefordert, wenigstens eine Flugverbotszone. Jetzt nur noch einzelne, laute Atemzüge, bis er die Frage endlich beantwortet. „Ja." Maximow starrt ins Leere. „Davor habe ich große Angst."
„Den Russen wurde angeboten, sich zu ergeben"Von Angst zu reden, gar von einem Sieg der Russen, das kommt für Witali Bizak nicht in Frage. Er ist Presseoffizier der ukrainischen Streitkräfte in Mykolajiw. „Den Russen wurde hier angeboten, sich hier zu ergeben", sagt er. Die russischen Truppen seinen demoralisiert, sie hätten große Verluste erlitten, beteuert er. Auch Bizak muss allerdings zugeben, dass mit einer Kapitulation des Feindes nicht zu rechnen ist. „Aber wir kapitulieren auch nicht", sagt der junge Offizier.
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