Ukraine-Krieg: Was brauchen die Geflüchteten jetzt wirklich?


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  • Erstellt: 13.03.2022, 09:00 Uhr

    Von: Leonie Zimmermann

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    Ukrainische Flüchtlinge warten in einer Menschenmenge am polnischen Grenzübergang Medyka auf den Transport in ein sicheres Aufnahmeland. © picture alliance/dpa/AP

    Der Ukraine-Krieg beschäftigt uns in vielerlei Hinsicht. Psychotherapeut Philipp Lioznov erklärt, wie wir selbst am besten damit umgehen und den Geflüchteten helfen können.

    Wien â€" Klimakrise, Corona-Pandemie und jetzt der Ukraine-Krieg â€" wir leben in einem Zeitalter der Krisen. Umso wichtiger ist es, sich bewusst um das eigene Wohlbefinden zu kümmern und gut auf seine psychische und körperliche Gesundheit aufzupassen. Das ist allerdings oft leichter gesagt, als getan. Denn Medienberichte über die Bombenangriffe von Russlands Präsident Wladimir Putin, steigende Inzidenzen und die verheerenden Folgen der Klimakrise machen es uns nicht leicht.

    Name: Philipp Lioznov Wohnort: Wien, Österreich Beruf: Psychologischer Psychotherapeut

    Der Psychologische Psychotherapeut Philipp Lioznov betreut in seiner Wiener Praxis aktuell die ersten Geflüchteten aus der Ukraine. Im Exklusiv-Interview mit kreiszeitung.de erzählt der gebürtige Russe mit ukrainisch-jüdischen Wurzeln, was die Menschen in Zeiten wie diesen brauchen, was Kriegsberichterstattung mit unserer Psyche macht und wie jeder Einzelne jetzt helfen kann.

    Herr Lioznov, seit kurzem arbeiten Sie in Ihrer Praxis auch mit Geflüchteten aus der Ukraine. Mit welchen Ängsten und Sorgen kommen die zu Ihnen?

    Die meisten von ihnen zeigen akute Belastungsreaktionen. Sie reden entweder nur über den Krieg in ihrer Heimat oder ziehen sich komplett zurück. Viele sehen im Leben generell keinen Sinn mehr, sind verzweifelt und ohnmächtig. Die Gefühle, die in Bezug auf den Ukraine-Krieg entstehen, sind vielfältig. Das geht von Angst und Wut über Trauer und Ohnmacht bis hin zu Scham und Schuld â€" vor allem auf der Seite vieler Russen. Aber: Die Krise setzt auch viele Energien frei. Das sehen wir ja auch gerade an der großen Hilfsbereitschaft der Gesellschaft. Viele Menschen wollen nicht einfach nur rumsitzen und abwarten, sondern packen an.

    Psychotherapeut Philipp Lioznov über die vielseitigen Bedürfnisse von Flüchtlingen aus der Ukraine

    Und wie wirkt sich ein Krieg langfristig auf den Menschen aus?

    Die Menschen im Krieg machen oft traumatische Erfahrungen. Dadurch, dass das Trauma quasi aus Menschenhand geschaffen wurde, verlieren sie oft ihr Urvertrauen in die Menschheit. Vor allem bei Kindern erschüttert das die Psyche oft so nachhaltig, dass sie keinem anderen Menschen mehr trauen. Das ist also nicht ein einziges Ereignis und dann ist es wieder vorbei â€" sondern die Menschen haben oft jahrelang damit zu kämpfen.

    Was können wir tun, um die Menschen aus der Ukraine jetzt bestmöglich aufzufangen?

    Wenn ich die Patienten frage, was ihnen in den ersten Momenten geholfen hat, ist es oft die gleiche Antwort: Eine helfende Hand. Viele erzählen, dass sie an der Grenze in Rumänien oder Polen ankamen und noch total ausgelaugt und geschockt von dem Erlebten waren. Man muss sich das mal vorstellen: Man spricht die Sprache nicht, kennt die Menschen nicht, ist dem Krieg gerade entkommen und weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll. Und dann reicht dir jemand Hand, gibt dir etwas zu essen und will dir wirklich helfen. Diese Geste hat eine unglaubliche Kraft, sie symbolisiert „Hier seid ihr in Sicherheit“. Dafür sind die Ukrainer sehr dankbar.

    Und wie kann ich hier vor Ort helfen, wenn ich jetzt nicht die Möglichkeit habe, an die Grenze zu fahren?

    Was die Geflüchteten brauchen, ist oft auf den ersten Blick sehr banal. Man sollte ihnen die simpelsten Dinge erklären: Wo kaufe ich eine Fahrkarte, wo finde ich einen Schlafplatz, wie kann ich meine Liebsten erreichen... Das sind alles Dinge, die man in einem Schock-Zustand vielleicht nicht auf dem Schirm hat. Man sollte also wirklich zuerst die Grundbedürfnisse abdecken, bevor man sich um das große Ganze kümmert.

    Viele der Geflüchteten benötigen neben medizinischer Hilfe auch psychologische Betreuung. Wie sind die europäischen Länder hier aufgestellt?

    Aktuell helfen vor allem die Ehrenamtlichen dabei, die psychischen Sorgen der Geflüchteten aufzufangen. Langfristig wird es aber nötig sein, dass auch die Städte und Länder finanzielle Mittel bereitstellen, um die Menschen psychisch und sozial abzuholen.

    Putin führt Krieg in der Ukraine: Verdrängung oder Mitgefühl â€" was ist der richtige Umgang mit Trauma der Menschen

    Der Krieg in der Ukraine macht aber nicht nur den Ukrainern und Russen zu schaffen, sondern beschäftigt auch die Menschen hierzulande. Wie sieht ein gesunder Umgang mit einer Zeit aus, in der eine Krise auf die andere folgt?

    Trotz all der Krisen, die gerade die Welt beschäftigen, darf man seine individuellen Probleme nicht vergessen oder ignorieren. Manchmal passiert es, dass Patienten ihr eigenes Leid herunterspielen, weil sie sagen „Den Menschen in der Ukraine geht es ja schlechter“. Das lenkt aber oft nur von den eigenen Problemen weg. Dabei liegen die individuellen Sorgen in unserem Einflussbereich, während wir die Klimakrise, Corona und den Ukraine-Krieg nur indirekt beeinflussen können, wenn überhaupt.

    Angenommen, man merkt, dass man nicht so gut mit der aktuellen Lage klarkommt. Ab wann sollte man sich professionelle Hilfe suchen?

    Was dem einen Sorge bereitet, ist für den anderen oft kein Problem. Man sagt in meiner Branche immer „Es ist egal, ob man in einer Pfütze ertrinkt, oder in einem Meer â€" das Ergebnis ist das Gleiche“. Es ist wichtig, jedes Problem ernst zu nehmen. Ich würde jedem raten, sich aktuell einfach gut zu beobachten. Wer merkt, dass sich etwas an der Stimmung, an dem Verhalten oder an dem körperlichen Wohlbefinden verändert, der sollte unbedingt das Gespräch suchen. Das muss im ersten Schritt ja nicht der Gang zum Therapeuten sein. Oft reicht es auch schon, mit Freunden oder Familienmitgliedern darüber zu sprechen.

    Jetzt gibt es ja sehr unterschiedliche Reaktionen auf die Krise in unserer Gesellschaft. Während die einen aktiv mitleiden, machen andere Leute weiter Party und genießen ihr Leben. Woran liegt das?

    Wie Menschen auf die aktuelle Situation reagieren, ist auch eine Frage der Resilienz, also der psychischen Widerstandskraft. Es kommt immer darauf an, welche Persönlichkeitsmerkmale jemand mitbringt. Wie gut wir für Krisen gewappnet sind, hängt also stark von unseren Genen, unserer psychischen Prädisposition und unserem sozialen Umfeld ab. Wenn es einem vorher schon schlecht ging, dann wird eine Krise ihm sicher nicht guttun.

    Ukraine-Krieg: Psychotherapeut Lioznov über Risiken und Nebenwirkungen von Kriegsberichterstattung

    Gibt es denn allgemeine Verhaltensweisen, die das Wohlbefinden in Zeiten von Krieg und Krise zusätzlich mindern?

    Es ist wissenschaftlich belegt, dass der ständige Konsum von Kriegsberichterstattung uns unterbewusst dauerhaft stresst. Statt die ganze Zeit die Nachrichten zu checken, sollte man sich vor allem jetzt regelmäßig einen Moment nehmen, die Augen schließen und in sich hineinschauen. Wie geht es mir, welche Gefühle und Sorgen habe ich? Außerdem macht es total Sinn, sich solidarisch zu zeigen. Denn anderen zu helfen, macht uns nachweislich auch glücklicher.

    Apropos Medienkonsum. In den Medien gab es Berichte über Rassismus auf der Flucht aus der Ukraine. Und einige Journalisten haben sich selbst zumindest fragwürdig über die Unterschiede zwischen den Geflüchteten aus der Ukraine und jenen aus Afghanistan und Syrien aus 2015 geäußert. Warum ist das selbst in dieser aufgeklärten Zeit noch Thema?

    Die Ukrainer sind uns näher, als andere Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan zum Beispiel. Das liegt ganz einfach daran, dass sie uns optisch ähnlicher sind. Das klingt rassistisch, aber das ist leider unterbewusst sehr tief in unserer Psyche angelegt: Wir fühlen uns Menschen näher, die räumlich und optisch eher uns selbst entsprechen. Wir denken einfach in Ingroup und Outgroup. Nicht, dass das die Sache dadurch irgendwie besser macht.

    Wie ist die aktuelle Situation eigentlich für Menschen, die in 2015 vor einem Krieg nach Europa geflohen sind?

    Im Falle von Krieg besteht eine gewisse Gefahr der Re-Traumatisierung. Wenn die Menschen, die in 2015 aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan zu uns gekommen sind, mit ihren Erfahrungen jetzt sehen, dass der Krieg quasi vor der Haustür ist, kann es sein, dass ihr Trauma von damals wieder hochkommt.

    Bei all den Nebeneffekten des Krieges kommt man sich schnell hilflos vor. Wie kann ich das Gefühl von Kontrolle in unkontrollierbaren Zeiten zurückbekommen?

    Was helfen kann: Sich gut und sachlich über die Ereignisse informieren. Also nicht über Social Media, sondern über seriöse Medien. Und das Wichtigste ist, dass man im Dialog mit seinem Umfeld bleibt, sich mitteilt und weiterhin seinem normalen Alltag nachgeht. 

    Philipp Lioznov sucht selbst noch nach einem guten Umgang mit der aktuellen Situation. Durch seine Herkunft hat er Verbindungen in beide Länder, die an dem Krieg beteiligt sind. Seit Tag eins des Ukraine-Krieges informiert er sich deshalb nahezu täglich über die jüngsten Ereignisse in der Ukraine und in Russland. Für den Wiener Psychotherapeuten steht fest: Gewinner gibt es in diesem Krieg auf keiner Seite der Landesgrenze. *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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