Der Kriegsverlauf in der Ukraine im Ticker: Mariupol vor dem Fall: „Leider sind wir hier jetzt in der Hand der Besatzer"
Vor über einem Monat hat der russische Angriffskrieg in der Ukraine begonnen. Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow soll nach Mariupol gereist sein. Die belagerte Hafenstadt steht offenbar kurz vor dem Fall. Alle Neuigkeiten zum Angriff auf die Ukraine finden Sie im Ticker.
Das Wichtigste zum Krieg in der Ukraine 10.10 Uhr: Ukrainische Armee: Russen bei Großstadt Krywyh Rih zurückgedrängt 08.37 Uhr: Ukraine: Russische Raketenangriffe nahe der Großstadt Nikopol 07.06 Uhr: Mariupol steht offenbar kurz vor dem Fall 05.34 Uhr: Tschetscheniens Machthaber Kadyrow angeblich in Mariupol 00.22 Uhr: Kiew: Streitkräfte arbeiten an Abwehr russischer Angriffe 00.18 Uhr: Russische Söldner-Gruppe Wagner in der Ostukraine im EinsatzUkrainische Armee: Russen bei Großstadt Krywyh Rih zurückgedrängt
10.10 Uhr: Die ukrainische Armee hat eigenen Angaben zufolge russische Truppen bei der südukrainischen Großstadt Krywyj Rih zurückgedrängt. „Die Besatzer befinden sich nicht näher als 40 Kilometer von der Stadt entfernt", sagte der Chef der Militärverwaltung der Stadt, Olexander Wilkul, in einer am Dienstag bei Facebook veröffentlichten Videobotschaft. Teils hätten sich russische Einheiten über die Grenze des Gebiets Dnipropetrowsk ins benachbarte Cherson zurückgezogen. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.
Krywyj Rih ist die Heimatstadt von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Vor dem Krieg lebten dort etwa 600.000 Menschen. Zwischenzeitlich seien die Russen bis etwa zehn Kilometer an die Industriestadt heran gekommen, hieß es von ukrainischer Seite.
Kiew kündigt drei Fluchtkorridore an
09.48 Uhr: Die ukrainische Regierung hat eigenen Angaben zufolge für Dienstag mit den russischen Truppen drei Fluchtkorridore für die Evakuierung von Zivilisten ausgehandelt. Aus der belagerten Hafenstadt Mariupol im Gebiet Donezk soll es möglich sein, mit privaten Autos über Berdjansk nach Saporischschja zu fahren, sagte Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk am Dienstag. Zudem seien 34 Busse von Saporischschja nach Berdjansk am Asowschen Meer unterwegs.
Diese sollen Menschen aus Mariupol mitnehmen, die eigenständig in das knapp 70 Kilometer entfernte Berdjansk gelangt sind. Angaben örtlicher Behörden zufolge harren in Mariupol von den einst 440 000 Einwohnern immer noch mehr als 100 000 aus. Zwei weitere Korridore seien im Gebiet Saporischschja für die Atomkraftwerksstadt Enerhodar und die Großstadt Melitopol vereinbart worden. Busse des Zivilschutzes seien unterwegs.
Geheimdienst-Update: Stadtkern von Mariupol noch in ukrainischer Hand08.37 Uhr: Erneut veröffentlicht das britische Verteidigungministerium ein Update des britischen Geheimdienstes zur Lage in der Ukraine. Demnach soll es den ukrainischen Streitkräften weiterhin gelingen, gezielte Gegenangriffe im Westen von Kiew durchzuführen. Darunter in Irpin, Bucha und Hostomel. Laut des britischen Geheimdienstes haben diese Angriffe auf die russischen Truppen gewissen Erfolg gehabt und hätten die russischen Streitkräfte von ihrer Stellung zurückgedrängt.
In Mariupol soll die russische Armee weiterhin mit heftigen Attacken die versuchte Übernahme der Stadt weiterfortsetzen. Dennoch soll der Stadtkern der belagerten Hafenstadt noch immer in den Händen der ukrainischen Verteidigung liegen. In den restlichen Gebieten soll die russische Armee eine Block-Position eingenommen haben, um die Streitkraft wieder zu reorganisieren.
Ukraine: Russische Raketenangriffe nahe der Großstadt Nikopol 08.27 Uhr: Die südukrainische Großstadt Nikopol, im Oblast Dnipropetrowsk, soll von russischen Raketen angegriffen worden sein. Das berichtet das Medium „UkraineWorld" via Twitter und beruft sich auf Angaben der städtischen Behörden. Demnach soll ein Gebäude nahe der Stadt getroffen worden sein. Bisher gibt es keine Verletzten. In der Großstadt seien die Luftsirenen noch immer unter Betrieb.
Mariupol steht offenbar kurz vor dem Fall07.06 Uhr: Die belagerte südukrainische Hafenstadt scheint kurz vor dem Fall zu stehen. In einem Interview im ukrainischen TV am Montag drückte Wadim Boitschenko, der Bürgermeister der Stadt, seine Hilflosigkeit aus. „Leider sind wir hier jetzt in der Hand der Besatzer", so Boitschenko. Allerdings machte er nicht deutlich, inwieweit sich dies auf die Kontrolle des Stadtgebiets bezog. Aber: Die Fluchtkorridore würden praktisch komplett von den russischen Invasoren kontrolliert, sagte er. In der Stadt selbst gebe es keinen Strom, kein Wasser, keine Heizung. Über 5000 Menschen sind lokalen Angaben zufolge bereits gestorben.
Nach den Worten des Bürgermeister sind nur noch 160.000 der ursprünglich 450.000 Einwohner in der Stadt. Etwa 140.000 konnten bereits vor der Blockade fliehen, etwa 140.000 danach, davon seien 30.000 nach Russland entführt worden, wie es von ukrainischer Seite heißt. Alle Angaben sind nicht unabhängig zu überprüfen.
Große Sorge bereitet der ukrainischen Regierung insbesondere die Situation in Mariupol. Nach der Ankündigung Russlands, sich im Ukraine-Krieg künftig auf die „Befreiung des Donbass" zu konzentrieren, befürchtet Kiew eine Zuspitzung der Lage in der Hafenstadt und im Osten des Landes. In Mariupol kämpften die Eingeschlossenen weiter „ums Überleben", erklärte das ukrainische Außenministerium. „Die humanitäre Lage ist katastrophal."
Ukrainischen Angaben zufolge sind 90 Prozent der Wohngebäude der Stadt aufgrund russischer Angriffe beschädigt, ebenso sieben Krankenhäuser, drei davon seien komplett zerstört worden. 57 Schulen und 70 Kindergärten seien getroffen worden, davon 23 bzw. 28 komplett zerstört.
Kadyrow angeblich in Mariupol - will Stadt „vollständig befreien"
05.34 Uhr: Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow ist russischen Medienberichten zufolge in die belagerte südukrainische Hafenstadt Mariupol gereist, um die Moral der Kämpfer zu erhöhen. „Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow ist in Mariupol, um den Kampfgeist unserer Kämpfer zu steigern", sagte der tschetschenische Minister Achmed Dudajew am Montag der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Diese veröffentlichte ein Foto von Kadyrow mit rund 20 tschetschenischen Kämpfern.
Auf dem Foto waren auch der Parlamentsabgeordnete Adam Delimchanow sowie ein kleiner Junge zu sehen. Das russische Fernsehen zeigte zudem Bilder, auf denen angeblich zu sehen war, wie Kadyrow in Mariupol mit Generalleutnant Andrej Mordwitschew zusammentraf. Dieser ist einer der Generäle, die nach Angaben der ukrainischen Behörden bei den Kämpfen getötet wurden.
Dudajew zufolge wurde der 45-jährige Kadyrow von Russlands Präsident Wladimir Putin in den Rang eines Generalleutnants erhoben. Offiziell gehört Kadyrow der Nationalgarde an und hatte zuvor den Rang eines Generalmajors.
Dem Minister zufolge soll Kadyrow dabei helfen, die Strategie für die „Befreiung" Mariupols anzupassen. Kadyrow selbst schrieb auf Telegram, die „Säuberung" der zerbombten Hafenstadt von „Nazi-Banditen" laufe auf „Hochtouren". Er versprach, dass Mariupol „in sehr kurzer Zeit vollständig befreit sein wird".
IAEA: Ukraine meldet keine Schäden an Nuklearmaterial in Charkiw02.34 Uhr: Bei kürzlichem Beschuss hat eine nukleare Forschungseinrichtung in der ostukrainischen Stadt Charkiw Schaden erlitten, ihre geringe Menge an Nuklearmaterial aber ist intakt geblieben. Das teilte der Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, am Montagabend unter Berufung auf Informationen der ukrainischen Atomaufsichtsbehörde mit.
Laut Kiew seien das Gebäude, die Wärmedämmung und die Versuchshalle beschädigt worden, hieß es von der IAEA weiter. Die Neutronenquelle, die Kernmaterial enthalte, das zur Erzeugung von Neutronen für die Forschung und Isotopenproduktion verwendet werde, aber nicht.
Kiew: Streitkräfte arbeiten an Abwehr russischer Angriffe00.22 Uhr: Die ukrainischen Streitkräfte versuchen eigenen Angaben zufolge an mehreren Orten, Angriffe russischer Einheiten abzuwehren. Man sei dabei, den russischen Vormarsch auf die Großstadt Slowjansk im Gebiet Donezk im Südosten des Landes sowie auf die rund eine Autostunde entfernte Kleinstadt Barwinkowe im Gebiet Charkiw zu stoppen, heißt es im Lagebericht des ukrainischen Generalstabs, der in der Nacht zu Dienstag auf Facebook veröffentlicht wurde.
Im Gebiet Luhansk im Osten des Landes versuche man die Eindämmung russischer Angriffe rund um die Städte Rubischne mit 60.000, Lyssytschansk mit 100.000 und Popasna mit 20.000 Einwohnern. Aus der Umgebung aller drei Städte meldete die Ukraine regelmäßige Gefechte. Damit wolle man verhindern, dass russische Truppen an ukrainischen Streitkräften vorbeiziehen. Gleichzeitig halte die ukrainische Seite die Rundum-Verteidigung der umkämpften und belagerten Hafenstadt Mariupol aufrecht. Auch in der Region Tschernihiw im Norden des Landes sei man dabei, den russischen Vormarsch einzudämmen.
Großbritannien: Russische Söldner-Gruppe Wagner in der Ostukraine im EinsatzDienstag, 29. März, 00.18 Uhr: Im Osten der Ukraine werden britischen Regierungsangaben zufolge russische Söldner der Gruppe Wagner eingesetzt. Das britische Verteidigungsministerium teilte am Montagabend im Online-Dienst Twitter mit, Schätzungen zufolge könnten mehr als 1000 Söldner für Kampfeinsätze in die Ukraine entsandt werden, darunter auch Anführer der Organisation. Berichte über die Existenz der Gruppe waren erstmals zu Beginn des Krieges in der Ost-Ukraine 2014 aufgetaucht.
Russlands „Schattenarmee" wird mit Krisenregionen wie Syrien, Libyen, der Zentralafrikanischen Republik und zuletzt auch Mali in Zusammenhang gebracht. Moskau bestreitet jegliche Verbindung zu ihr. Den Söldnern werden schwere Verstöße gegen Menschenrechte vorgeworfen, darunter Folter und gezielte Tötungen.
Bericht: Halbe Million Ukrainer seit Kriegsbeginn zurückgekehrt23.43 Uhr: Seit Beginn des russischen Angriffskrieges sind nach Angaben der ukrainischen Grenzpolizei rund 510.000 Menschen aus dem Ausland zurückgekehrt. Allein in der vergangenen Woche seien es 110.000 Menschen gewesen, sagte der Sprecher der ukrainischen Grenzpolizei, Andrij Demtschenko, der Tageszeitung „Welt" am Montag. Acht von zehn Einreisenden seien Männer. Die meisten kämen aus Polen. Rund 352.000 Ukrainer sind laut polnischem Grenzschutz seit Kriegsbeginn in ihr Heimatland ausgereist, wie die Behörde am Montag mitteilte.
Ukraine-Krieg: Russische Raketen treffen nächstes Treibstofflager22.30 Uhr: Russland hat in der Nordwestukraine nach Anhaben dortiger Behörden ein weiteres Treibstofflager mit Raketen angegriffen. Der Angriff sei im Gebiet Riwne erfolgt, teilte der Gouverneur der Region, Witalij Kowal, am Montag im Nachrichtendienst Telegram mit. Der Zivilschutz sei bereits vor Ort. Aufgrund des weiter geltenden Luftalarms sollen die Bürger jedoch weiter in den Schutzkellern bleiben. Damit sind nach Dubno, Luzk, Lwiw, Mykolajiw und mehreren Lagern bei der Hauptstadt Kiew rund ein Dutzend Kraftstofflager zumindest schwer beschädigt worden. Beobachter befürchten, dass es dem wichtigen Agrarexporteur Ukraine zu Beginn der Aussaat an Sprit mangeln könnte.
Ukraine: Russische Truppen setzen Streubomben ein21.51 Uhr: Die russischen Streitkräfte haben nach Angaben der ukrainischen Behörden Streubomben in der Ukraine eingesetzt. „Wir haben Beweise für den Einsatz von Streubomben in der Region Odessa und im Gebiet Cherson", sagte Generalstaatsanwälting Iryna Wenediktowa am Montag. Streubomben verteilen Dutzende von winzigen Sprengladungen über ein Gebiet und stellen häufig für Zivilisten eine langfristige Gefahr dar.
Einige der Sprengladungen explodieren nicht sofort und werden so de facto zu Landminen, die oft auch lange nach Beendigung eines Konflikts noch scharf sind und schwere Schäden verursachen können. Ein UN-Vertrag von 1997 verbietet den Einatz von Landminen. Wie auch die USA hat Russland diesen Vertrag allerdings nicht unterzeichnet.
Es gebe zwar Berichte über den Einsatz von Streubomben in der Hauptstadtregion, sagte Generalstaatsanwältin Wenediktowa. Die Untersuchung laufe dort aber noch, es gebe bislang keine konkreten Beweise. In den genannten Gebieten in der Südukraine sei der Einsatz der geächteten Munition aber nachgewiesen worden.
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