Ukraine-Krieg Gestern noch Zivilist – „Heute habe ich 20 Soldaten an die Front geschickt“


Düsseldorf Es ist bereits spät in der Nacht, doch das Telefon von Rostyslav Bortnyk steht nicht still. Bortnyk ist der Bürgermeister der kleinen Stadt Berezhany im Westen der Ukraine, dort, wo der Krieg noch nicht so zu spüren ist wie in Kiew, Charkiw oder Mariupol. „Das ganze Land befindet sich im Ausnahmezustand", sagt Bortnyk. „Wir tun, was wir können."

Von Berezhany aus sind es noch circa 100 Kilometer nach Lwiw, von dort noch mal 80 Kilometer an die polnische Grenze. Seit dem Einmarsch der russischen Truppen am 24. Februar haben mehr als 1,7 Millionen Menschen versucht, die polnische Grenze zu erreichen. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen befinden sich derzeit mehr als drei Millionen Menschen auf der Flucht – seit dem Zweiten Weltkrieg mussten nicht mehr so viele Menschen in so kurzer Zeit ihre Heimat verlassen.

„Bereits im Januar haben wir einen Brief von der Zentralregierung erhalten, dass wir Notunterkünfte für 10.000 Personen einrichten sollen", sagt der 39 Jahre alte Bortnyk am Telefon, der nach Jahren im österreichischen und deutschen Ausland seit November 2020 Bürgermeister seiner Heimatstadt ist. Mit den umliegenden Dörfern zählt die Gemeinde 27.000 Einwohner – auf jeden dritten Einwohner käme demnach ein Flüchtender. „Theoretisch sind wir vorbereitet", sagt Bortnyk. „Aber praktisch? Das wissen wir nicht."

Berezhany liegt direkt an der Bundesstraße M30, die vom Osten der Ukraine quer durch das Land in den Westen führt – 1400 Kilometer lang. Erst im vergangenen Jahr wurde sie fertiggestellt, ein Prestigeprojekt des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski. Er gab der Schnellstraße den Beinamen „30", um 30 Jahre Unabhängigkeit der Ukraine zu feiern und die Einheit des Landes zu symbolisieren – auch wenn die östlichsten 200 Kilometer der Strecke nicht fertiggestellt werden konnten, weil sie durch die besetzte Region Luhansk im Osten der Ukraine führt.

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Heute fliehen überwiegend Frauen mit ihren Kindern auf dieser Strecke vor dem Krieg in ihrem eigenen Land. Lange Staus bilden sich nach Lwiw. Hotels an der Strecke sind überfüllt. Für diejenigen, die zu erschöpft sind von der langen Fahrt und der Flucht, hat Bortnyk eine Notfall-Hotline und Notunterkünfte eingerichtet.

„Wir müssen unsere Soldaten an der Front unterstützen"

Die Westukraine steht anders als Kiew, Mariupol oder Charkiw nicht im Zentrum der Bombardierungen. Sie dient daher als Auffanglager für Flüchtlinge, Ausbildungs- und Nachschubregion für ukrainische Soldaten und als Umschlagplatz für Hilfsgüter.

Mariya Tuzyk hat vor Kriegsausbruch als IT-Managerin in einem ukrainischen Unternehmen gearbeitet. Jetzt unterstützt sie ihren Mann Bogdan Kelichavy, er ist der Bürgermeister von Kopychyntsi, einer kleinen Gemeinde im Westen der Ukraine, 100 Kilometer von Berezhany entfernt. Tuzyk sagt: „Wir müssen unsere Soldaten an der Front unterstützen. Wenn wir das nicht machen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Krieg auch zu uns kommt."

Aber der Krieg rückt auch hier immer näher: Bei einem russischen Angriff auf den Militärstützpunkt in Jaworiw nordwestlich von Lwiw sind nach ukrainischen Angaben am Sonntag 35 Menschen getötet worden.

Tuzyk hat der Krieg aus dem Schlaf gerissen. „Wir sind nur zwei 30-Jährige, die mitten im Krieg aufgewacht sind, und jetzt müssen wir mit all dem klarkommen", sagt sie. Schnell war für sie und ihren Mann jedoch klar, dass sie nicht einfach wegkönnen. 13.500 Einwohner leben in ihrer Gemeinde, circa zehn Prozent sind zu Beginn des Kriegs geflohen. Der Rest ist geblieben, um zu helfen. Wie in Berezhany richten sie Notunterkünfte ein.

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Außerdem ist eine Heimatschutzeinheit eingerichtet worden. Soldaten müssen registriert und ausgebildet werden, sie müssen lernen, wie man schießt – und das alles in kürzester Zeit. Ein Veteran aus dem Donbass-Krieg, der in ihrer Gemeinde lebt und im Krieg ein Bein verloren hat, trainiert die Gruppe.

„Die größte Herausforderung für uns"

„Es ist die größte Herausforderung für uns", sagt Kelichavy. „Bis vor Kurzem waren wir noch Zivilisten und haben studiert. Wir waren damit beschäftigt, unsere Infrastruktur aufzubauen, Schulen zu bauen, Jobs zu schaffen. Heute habe ich 20 Soldaten an die Front geschickt." Auch von Berezhany aus bringen jeden Tag zwei Schulbusse 50 bis 100 Kämpfer an die Front.

Doch das ist nicht alles: Die Einwohner sammeln Hilfsgüter aus dem Westen, leiten sie weiter an die Front – in Berezhany sind bereits erste verletzte Soldaten eingetroffen. Auch Kopychyntsi hat ein kleines Krankenhaus. Um verletzte Soldaten zu versorgen, ist es aber nicht ausgestattet.

500 Flüchtlinge seien bereits in Kopychyntsi eingetroffen, sagt Bürgermeister Kelichavy. Diejenigen, die bei Verwandten unterkommen, zählen sie dabei nicht mit. Im Kindergarten können 200 Menschen untergebracht werden. Möglichkeiten zum Duschen gibt es hier nicht. Abgesehen von der Notunterkunft stehen Zimmer in Privathäusern bereit.

Auch in Berezhany hat Bürgermeister Bortnyk Schulen, Turnhallen und Privatunterkünfte herrichten lassen. Die meisten Häuser haben keinen eigenen Wasseranschluss im Haus. Um auf die Toilette zu gehen, muss man nach draußen. Aber die Versorgungslage ist stabil. „Die meisten Leute haben hier ihre eigenen Gärten und Hühner. Sie haben sich für den Winter vorbereitet", sagt Tuzyk.

Mehrmals am Tag geht der Bombenalarm los. Die Einwohner eilen in ihre Keller und suchen Zuflucht. In den ersten Tagen sei sie voller Adrenalin gewesen, berichtet Tuzyk am Telefon. Sie habe ständig versucht, sich zu beschäftigen. In den letzten Tagen habe sich aber etwas verändert. „Mich hat eine große Traurigkeit überkommen", sagt sie. „Aber wir haben keine Wahl. Wir geben unser Land nicht auf."

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