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Die Gäste bei âMaybrit Illnerâ am 17 März. © Svea Pietschmann/ZDFMaybrit Illner hat Covid, Theo Koll springt ein und setzt auf Sondierung statt auf Diskussion. Der Schwerpunkt der Sendung liegt auf dem Ãberblick zur Ukraine-Lage.
Berlin â" Wirtschaftsminister Robert Habeck* zeigt grundsätzliches Verständnis für die Anklage und die Forderungen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj*. âWäre ich in der ukrainischen Regierung, ich würde nicht anders reden!â, bringt Habeck die Sichtweisen-Divergenz im Vorab-Interview zum Polit-Talk mit Theo Koll im ZDF auf den Punkt. Selenskyj hatte im Bundestag die Zurückhaltung der Deutschen im Einsatz gegen Russland kritisiert und erneut mehr militärische Unterstützung, vor allem für die Sicherung des Flugraumes, gefordert.
Bei allem Verständnis für die Lage im Ukraine-Krieg* bleibt Habeck hart in der Frage der gesetzten roten Linie der Bundesregierung, die âden einen Schritt, der dazu führt, dass wir Kriegspartei werdenâ, nicht gehen werde. Dieser Zustand sei erreicht, so Habeck, âwenn eigene Soldaten auf andere Soldaten schieÃenâ oder Militärgerät âvon anderen abschieÃenâ. Die Nato-Mitgliedstaaten seien sich in dieser Frage auch einig, so Habeck. Das Ziel: Putin müsse durch harte Wirtschaftssanktionen und ein âStandhalten und eine Opferbereitschaft der Ukraineâ an den âVerhandlungstisch gezwungen werdenâ, um dort âFriedenâ und ein âEnde des BlutvergieÃensâ zu erwirken.
âMaybrit Illnerâ - diese Gäste diskutierten mit:Auf die breite und heftige Kritik, dass nach Selenskyjs Rede im Bundestag ohne weitere Bezugnahme zur Tagesordnung übergegangen worden war, reagierte SPD-Verteidigungspolitiker Michael Roth mit Verständnis: âIm Nachhinein war das, was wir heute Morgen erlebt haben, sicher ein Fehlerâ, gab er zu. Dem ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk gibt Moderator Koll Gelegenheit, seiner Enttäuschung Luft zu machen: âWir haben uns gewünscht, dass sich nach diesem Appell auch die Regierung äuÃert, auch der Bundeskanzler und weitere Pläne vorlegtâ, er signalisiert aber auch Dankbarkeit für die geleistete Hilfe aus Deutschland.
âMaybrit Illnerâ: Ukrainischer Botschafter fällt bei Frage aus der Rolle und unterstellt Deutschen HybrisDafür wird Melnyk an anderer Stelle sauer. Als Koll in der Absicht, die ârote Linieâ der Ukraine zu erfragen, Melnyk ungelenk anspricht: âGibt es für Ihr Land eine Grenze an zivilen Opfern, die sie bereit sind, in Kauf zu nehmen?â Melnyk fällt aus seiner diplomatischen Rolle: âDiese Frage ist so zynisch, dass ich keine Antwort darauf geben werde!â, schimpft er und stellt klar: âPutin* und Russland sind für die zivilen Opfer verantwortlich und nicht wir!â Der angespannte Botschafter kann sich nicht zurückhalten und wird grenzwertig, als er den Deutschen Hybris unterstellt: âWir werden unseren deutschen Freunden nicht den Gefallen tun und uns ergeben, damit sie die schrecklichen Bilder nicht sehen müssen.â
Dass Putin eine Spaltung der derzeit bestehenden Einigkeit der EU*, der westlichen Länder und der Nato-Mitgliederstaaten anstrebt, darüber besteht in der Runde kein Zweifel. Wie fragil die Situation sein kann, wie divers bereits die Meinungen - und die Risikobereitschaft - auseinandergehen, zeigt sich auch an den MeinungsäuÃerungen am runden Tisch der Sendung. So schlieÃt Brigadegeneral a.D. Erich Vad eine atomare Zuspitzung nicht gänzlich aus: âIch bin sicher, wenn Putin mit dem Rücken an der Wand steht, könnte er versucht sein, zur atomaren Eskalation zu schreiten.â Vad macht deutlich, wie dünn das Eis im Konflikt mit der russischen âNuklear-Machtâ nach seiner Einschätzung bereits sei: âWenn man Waffen liefert, ist man de jure noch keine Kriegspartei, aber man befindet sich auf dem Weg dorthin.â
Ukraine-Krieg: Könnte Putin nukleare Waffen einsetzen? Die Meinungen gehen im Talk auseinanderDas sieht der ukrainische Botschafter Melnyk anders. Der Ukrainer ordnet auch die indirekte Ankündigung Putins in seiner vergangenen Fernsehansprache* - den Einsatz von atomaren Waffen nicht auszuschlieÃen - lediglich als Bluff ein: âWir glauben nicht, dass Putin ein Selbstmörder istâ, so Melnyk. âPutin möchte in die Geschichte eingehen und diese Geschichte muss noch geschrieben werden.â
Die umstrittene Gaspipeline durch die Ostsee ist fertig - aber geht Nord Stream 2 jemals in Betrieb? Kanzler Scholz ist angesichts der Ukraine-Krise skeptisch. Der Bundeswirtschaftsminister meint, es wäre klüger gewesen, die Erdgasleitung gar nicht erst zu bauen.
Zukunft von Nord Stream 2 ungewiss: Gespräche gehen weiterVad spricht sich aufgrund der Bedrohung dafür aus, die militärischen Erfolge beider Seiten - die Eroberung der russischen Armee, das Standhalten der Hauptstadt Kiew* - als Grundlage für âFriedensverhandlungenâ zu setzen. Doch als Vad âNeutralitätâ vorschlägt, die âso schlimm auch nichtâ wäre und auf Finnland und Schweden verweist*, protestieren sofort FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann und SPD-Kollege Roth. Diese Länder, korrigiert Roth, seien âbündnisfrei, nicht neutralâ. Und Strack-Zimmermann ergänzt in Bezug auf die bereits in Aussicht gestellten Nato-Mitgliedschaftsbeitritte dieser Länder: âNoch.â
Roth kritisiert die Haltung Vads, die Zukunft der Ukraine über das Land hinweg, am Verhandlungstisch der GroÃmächte regeln zu wollen. Und stellt klar, dass es eindeutige Sicherheitsgarantien nicht nur für die Ukraine, sondern auch für weitere Länder der Region geben muss. Roth sieht die Ãra, in der âdas östliche Europaâ ein âVorhofâ russischer Macht gewesen ist, âwo wir uns nicht einzumischen hattenâ, beendet und zeigt sich offen für den Antrag zu einem EU- und sogar Nato-Beitritt des von Russland angegriffenen Landes. âWenn das mit der Nato nicht klapptâ, so Roth, âdann sollten wir uns das mit der EU ernst nehmenâ. âAus Nachbarn sollen Mitbewohner des europäischen Hauses werdenâ, befindet der Verteidigungsexperte.
Auch Strack-Zimmermann sieht den Handlungsrahmen weitaus beschränkter als der Ex-General: Wenn âPutin eine komplette Kapitulation willâ, dann werde die Ukraine das vermutlich nicht mittragen. Die westlichen Länder könnten âda mental an der Seiteâ stehen, die letztendliche âEntscheidungâ obliege aber âallein der Ukraineâ. Mehr Spielraum sieht Strack-Zimmermann allerdings in der Verschärfung der Sanktionen*. Es sei hier Aufgabe der Politik, der Bevölkerung klarzumachen, dass in âunserer Nachbarschaftâ ein âKrieg herrscht und wir im Warmen sitzenâ. Und zu fragen: âWas sind wir bereit dafür zu geben?â Auch Habeck, der bei einem Ausstieg aus Nord Stream 1 vor Kurzem noch vor einer Gefährdung des âsozialen Friedensâ gewarnt hatte, unterstreicht die Anstrengungen, die derzeit unternommen werden, um den endgültigen Ausstieg zu ermöglichen.
Fazit des âMaybrit Illnerâ-TalksInteressant, was mit einer Sendung passiert, wenn an ihrem Kopf eine andere Person sitzt. Theo Kolls aufgeräumte Art sorgt für ruhigere Momente als sonst. Die Kunst des journalistischen Auf-die-Finger-Klopfens, die Illner aus dem Effeff beherrscht und mit der man sich nicht unbedingt Freunde macht, wendet Koll an diesem Abend nicht an. Doch so gibt es mehr Raum, um die Standpunkte ruhig darzulegen. (Verena Schulemann) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
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