So war das Solidaritätskonzert für die Ukraine


Philharmonie

16.03.2022, 08:30| Lesedauer: 3 Minuten Das Solidaritätskonzert am Dienstagabend in der Philharmonie.

Das Solidaritätskonzert am Dienstagabend in der Philharmonie.

Foto: Paul Zinken / dpa

Das Deutsche Symphonie-Orchester, Rolando Villazón und ein sinnliches Volkslied: Der Klassikbetrieb hat ein wichtiges Zeichen gesetzt

Als das Deutsche Symphonie-Orchester und der Rundfunkchor Berlin zu Beginn zur ukrainischen Nationalhymne ansetzen, erhebt sich das Publikum im voll besetzten Saal der Philharmonie sofort und ohne Ausnahme. Das Solidaritätskonzert für die völkerrechtswidrig angegriffene Ukraine beginnt mit einem eindeutigen Zeichen.

Den ganzen Abend hindurch wird diese geschlossene Haltung der Anwesenden ein wichtiger Orientierungspunkt sein, der auch über einige Schwächen des Abends hinwegsehen lässt. Ein Angriffskrieg mitten in Europa mit mehreren tausend Toten nach wenigen Wochen â€" das ist eine Situation, für die hierzulande wohl noch niemand eine ausgereifte Konzertdramaturgie, eine passförmig angemessene künstlerische Geste vorbereitet in der Schreibtischschublade liegen hat. Zumal für dieses Konzert vermutlich ganz andere Dinge sehr schnell und sehr passgenau geklärt werden mussten.

Die georgische Spitzengeigerin ergriff Lisa Batiashvili am ersten Kriegstag Ende Februar die Initiative, weil sie â€" als eine von wenigen dezidiert Putin-kritischen Musikerinnen weltweit â€" nicht mehr schweigen wollte. Und so musste nicht nur ein Saaltermin für das spielwillige DSO, sondern mit Hochdruck auch eine Personage gesucht werden, die diesem Konzert künstlerisch eine gewisse internationale Symbolfähigkeit, Strahlkraft und Fallhöhe verleihen könnte. Stars mussten her, und zwar schnell. Man konnte im internationalen Tourneegeschehen mitunter den US-Dirigenten Alan Gilbert, Chef des NDR-Orchesters abfangen sowie den allbekannten Tenor Rolando Villazón.

Max Raabes Stimme klingt etwas verschnupft

Angesichts von Villazóns fragilem Stimmorgan hat man an diesem Abend großes Glück. Er singt die Arie des Macduff aus Giuseppe Verdis Diktatoren-Oper „Macbeth“ mit angenehmem Schmelz. Abgestandene Operngesten angesichts einer ermordeten Familie allerdings sind nicht das, was man hier braucht. Max Raabe seinerseits soll mit Heymanns „Irgendwo auf der Welt“ vermutlich sowohl die fehlgeleiteten Entertainment-Ambitionen des neuen DSO-Orchesterdirektors Thomas Schmidt-Ott verkörpern wie musikalisch Hoffnung geben â€" ein bisschen viel in diesem Rahmen. Zumal die Stimme verschnupft scheint und das Repertoire noch zusätzlich unentschieden klingen lässt.

Batiashvili-Ehemann François Leleux kann seinen großen Oboen-Ton ausspielen, findet aber im berühmten Oboenkonzert von Marcello im Allegro-Satz nicht ins Tempo. Der von Gijs Leenars gewohnt großartig einstudierte Rundfunkchor Berlin lässt manchen angesichts eines betörend sinnlich klingenden ukrainischen Volkslieds auf den Gedanken kommen, dass musikalische Solidarität eventuell mit einem noch stärkeren Schwerpunkt bei ukrainischer Musik noch besser hätte bekundet werden können. Dennoch: Es ist tatsächlich ein gutes Zeichen für den eigentlich durchkonfektionierten Klassikbetrieb, dass er trotz ehrlicher Bemühungen wirklicher Spitzenkünstler so schnell keine geräuschlos anschmiegsame Geste gefunden hat für diesen Krieg. Es wäre furchtbar, wenn die Irritationen, die wir zur Zeit empfinden, nicht auch die Musikwelt betreffen würden.

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