Krieg in der Ukraine könnte laut Berater von Selenskyj bis Mai andauern


Nach Ansicht des ukrainischen Präsidentenberaters Olexii Arestowitsch könnte der Krieg noch bis Mai andauern. „Ich denke, wir sollten bis Mai, Anfang Mai, ein Friedensabkommen haben, vielleicht viel früher, wir werden sehen", sagte der Berater des Chefs des ukrainischen Präsidentenstabes in einem von mehreren Sendern veröffentlichten Video. Arestowitsch ist selbst nicht an den Gesprächen der beiden Kriegsparteien beteiligt, die am Dienstag fortgesetzt werden sollen.

Zuvor hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die russischen Soldaten in einer Videobotschaft in der Nacht zum Dienstag aufgerufen, die Waffen niederzulegen und zu kapitulieren. Gleichzeitig kündigte er an, die Schuldigen für den Krieg ohne Nachsicht zur Verantwortung zu ziehen.

In seiner Ansprache wandte sich Selenskyj zunächst auf Ukrainisch an die Ukrainer, sprach davon, dass der Sieg näher rücke. Der Feind sei verwirrt, habe den starken Widerstand nicht erwartet. Die russischen Soldaten und Offiziere begännen zu verstehen, dass sie in diesem Krieg nichts erreichen könnten, sagte er in dem Clip, der ihn in Militärkluft im Präsidialamt in Kiew zeigt.

Dann wechselte er nahtlos ins Russische und wandte sich direkt an die russischen Soldaten. „Russische Wehrpflichtige! Hört mir genau zu! Russische Offiziere! Ihr wisst das alles bereits", sagte er. „Ihr werdet von der Ukraine nichts wegnehmen, ihr werdet nur Leben nehmen. Sehr viele. Aber eure Leben werden auch genommen. Doch warum solltet ihr sterben? Wofür? Ich weiß, dass ihr leben wollt!"

Ein Mann rettet einen Teil seiner Habe in einem Wohnblock in Kiew, der von russischer Artillerie getroffen wurde

Quelle: AP/Vadim Ghirda

Er berichtete, dass man Gespräche abhöre, die Gespräche unter den Soldaten und auch die Gespräche mit den Familienangehörigen zu Hause. Daraus gehe hervor, was sie wirklich über den Krieg dächten.

„Wir geben eu ch eine Chance, eine Chance zu überleben, wenn ihr euch ergebt", sagte er an die Adresse der russischen Soldaten. Man werde sie anständig behandeln, wie Menschen. „So, wie euch eure Armee nie behandelt hat. Trefft eure Wahl!"

Er dankte dann jenen Russen, „die nicht aufhören, die Wahrheit zu sagen." Als Beispiel nannte er eine Frau, die mit einem Protestplakat und lauten Rufen im russischen Staatsfernsehen für eine Unterbrechung der abendlichen Hauptnachrichtensendung gesorgt hatte.

Die Schuldigen für die schweren Kriegshandlungen in seinem Land sollten ohne Nachsicht zur Verantwortung gezogen werden. Das russische Militär sei definitiv verantwortlich für Kriegsverbrechen, für eine „bewusst geschaffene humanitäre Katastrophe" in ukrainischen Städten, sagte Selenskyj.

Russland setzt Angriffe in der Ukraine fort – Explosionen in Kiew

Unterdessen gingen die Bombardierungen und Blockaden wichtiger ukrainischer Städte durch Russland weite r. In der Hauptstadt Kiew gab es am frühen Morgen an mehreren Orten schwere Explosionen. Dabei wurden nach Angaben des örtlichen Zivilschutzes insgesamt vier Wohngebäude in mehreren Stadtteilen von Raketen getroffen, ersten Informationen zufolge wurden zwei Menschen getötet. Einer der Angriffe habe ein 16-stöckiges Wohnhaus im Stadtteil Swjatoschyn im Westen Kiews getroffen, schrieb der Rettungsdienst am Dienstag im Onlinedienst Facebook. „Es wurden zwei Leichen geborgen, 27 Menschen wurden gerettet."

Zuvor hatten Rettungskräfte auch von einem Angriff auf ein etwa zehnstöckiges Gebäude im Stadtteil Podil berichtet. Der Angriff in Podil löste den Angaben zufolge einen Brand in den ersten fünf Stockwerken des Wohngebäudes aus. Ein Mensch sei mit Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht worden. Berichten zufolge wurde auch der Eingang zu einer U-Bahn-Station beschossen. Es wird vermutet, dass dieser Angriff einer nahe gelegenen Munitionsfabrik galt.

Die B ehörden der Stadt Charkiw im Osten berichteten am Montagabend, dass bei einem russischen Luftangriff zwei Menschen getötet wurden, ein weiterer wurde verletzt. In Tschuschujew südöstlich der Stadt wurde demnach außerdem ein 15-Jähriger bei einem Angriff auf eine Jugendeinrichtung getötet.

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Nach einem russischen Luftangriff auf einen Fernsehturm unweit der Großstadt Riwne im Nordwesten der Ukraine am Vortag ist die Zahl der Toten auf mindestens 19 gestiegen, wie der Gouverneur der Region Riwne, Witalij Kowal, mitteilte. Am Montag hatte Kowal kurz nach dem Angriff von neun Toten und neun Verletzten gesprochen und erklärt, weitere Personen befänden sich noch unter den Trümmern.

Das russische Verteidigungsministerium hatte zuvor mitgeteilt, dass es sich die Eroberung der bereits eingekesselten Großstädte vorbehält. In einem solchen Fall werde es aber humanitäre Korridore zum Schutz der Zivilbevölkerung geben, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Präsident Wladimir Putin habe bislang von einem „sofortigen Angriff" auf die Hauptstadt Kiew und andere ukrainische Großstädte abgesehen, „um große zivile Verluste zu vermeiden".

Die ukrainische Armee bestritt einen Raketenangriff auf die von pro-russischen Separatisten gehaltene Stadt Donezk, in der nach russischen Angaben mehr als 20 Menschen getötet wurden.

In der benachbarten Region Luhansk, ebenfalls seit 2014 teilweise unter der Kontrolle der Separatisten , sei indessen der gesamte bislang von der Ukraine gehaltene Teil „unter Beschuss", erklärte der ukrainische Militärchef Sergej Gaidai. Er beschuldigte die Russen, „Häuser, Krankenhäuser, Schulen, Wasser-, Gas- und Stromnetze" sowie Züge, die täglich rund 2000 Zivilisten in den Westen evakuieren, anzugreifen.

In der ostukrainischen Stadt Rubischne im Gebiet Luhansk seien vier Menschen ums Leben gekommen, meldete die Agentur Unian. Die Angriffe hätten eine Einrichtung für sehbehinderte Kinder, das städtische Krankenhaus und drei Schulen zerstört.

>>> Lesen Sie hier alle Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine im Liveticker >>>

Die Lage in der von russischen Truppen belagerten Hafenstadt Mariupol im Südosten des Landes bleibt indessen dramatisch. Die russische Armee „versucht, Mariupol einzunehmen. Den ukrainischen Soldaten gelang es, die Invasoren zurückzudrängen", erklärte der ukrainische Generalstab. Demnach habe die russische Seite bei ihrer Offensive etwa 150 Soldaten, zwei Panzer und sieben Infanterie-Kampffahrzeuge verloren und „sich zurückgezogen"

Der Chef der autonomen russischen Republik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, erklärte dagegen in der Nacht zum Dienstag auf Telegram, seine Kämpfer führten eine Offensive auf Mariupol an und sie seien etwa 1,5 Kilometer weit in die Stadt am Asowschen Meer vorgedrungen, bevor sie ihren Angriff bei Einbruch der Nacht pausiert hätten.

Mariupol: Menschen schützen sich vor Beschuss in einem Eingang zu einem Wohnhaus in Mariupol

Quelle: dpa/Evgeniy Maloletka

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Der Berater des Bürgermeisters von Mariupol, Petro Andrjuschtschenko, nannte die Lage in der Stadt „unmenschlich": „Kein Essen, kein Wasser, kein Licht, keine Wärme." Er befürchte viel mehr Tote – mit zunehmender Intensität der Angriffe könnte die Zahl der Opfer bis zu 20.000 betragen. Die Angaben sind nicht unabhängig zu prüfe n.

Ein Konvoi mit humanitären Hilfsgütern, der seit Tagen versucht, die Stadt zu erreichen, wurde nach Angaben der ukrainischen Behörden am Montag erneut von russischen Soldaten in Berdjansk, 85 Kilometer von Mariupol entfernt, blockiert. Etwa 400.000 Einwohner von Mariupol leben ohne Wasser, Strom, Heizung und Nahrung. Seit dem 24. Februar kamen dort laut Angaben der Regierung 2357 Zivilisten ums Leben.

Das Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt brennende und stark beschädigte Wohnhäuser und das zerstörte Einkaufszentrum Port City im Westen der Stadt Mariupol

Quelle: dpa/Uncredited

Es gab jedoch einen Hoffnungsschimmer: Nachdem lokale Waffenruhen zuvor mehrfach gescheitert waren, konnten am Montag 160 Autos die Stadt über einen Fluchtkorridor verlassen. Insgesamt funktionierten am Montag nach Angaben aus Kiew jedoch nur sieben der landesweit geplanten zehn Fluchtkorridore aus besonders umkämpften Städten und Dörfern.

Dabei seien insgesamt rund 4000 Menschen in sicherere Gebiete gebracht worden, sagte Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk nach Angaben der Agentur Unian am Abend. Die meisten Zivilisten kamen aus der Region Kiew (2028).

Quelle: Infografik WELT/Isabell Bischoff

Die ukrainischen Behörden warfen Russland zudem vor, Fahrzeuge mit flüchtenden Zivilisten aus dem Ort Hostomel bei Kiew mit Mörsern beschossen zu haben. Dabei seien eine Frau getötet und zwei Männer verletzt worden. Die Angaben sind nicht unabhängig zu prüfen.

Insgesamt sind seit Kriegsbeginn nach Angaben Kiews fast 150.000 Zivilisten aus von russischen Truppen belagerten Regionen in Sicherheit gebracht worden. „Wir haben 26 humanitäre Korridore eingerichtet", sagte der stellvertretende Leiter der ukrainischen Präsidialverwaltung, Kyrylo Tymoschenko laut der Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine am Montag. „Dank ihnen konnten mit Bussen eine sehr große Anzahl von Menschen evakuiert werd en."

Gespräche gehen am Dienstag weiter

Präsident Selenskyj bestätigte in seiner Videobotschaft indes, dass die Gespräche der Unterhändler beider Länder an diesem Dienstag fortgesetzt werden sollen. Unterhändler Russlands und der Ukraine hatten am Montag über eine Lösung des Konflikts verhandelt, ihre Gespräche aber letztlich auf diesen Dienstag vertagt.

Die Ukraine fordert ein Ende des Krieges und einen Abzug der russischen Truppen. Moskau verlangt, dass Kiew die annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim als russisches Territorium sowie die ostukrainischen Separatistengebiete als unabhängige Staaten anerkennt und die Ukraine ihre Neutralität erklärt.

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Man habe die russischen Forderungen gelesen, „einige von diesen Forderungen sind absolut inakzeptabel für uns, also zum Beispiel bestimmte Territorialforderungen", sagte Ihor Showkwa, der außenpolitische Berater des ukrainischen Präsidenten. Über andere Punkte könne man diskutieren, aber nur zusammen „mit einer Sicherheitsgarantie für die Ukraine in der Zukunft".

Nach Ansicht des ukrainischen Präsidentenberaters Olexii Arestowitsch könnte der Krieg noch bis Mai andauern. „Ich denke, wir sollten bis Mai, Anfang Mai, ein Friedensabkommen haben, vielleicht viel früher, wir werden sehen", sagte der Berater des Chefs des ukrainischen Präsidentenstabes in einem von mehreren Sendern veröffentlichten Video. Arestowitsch ist selbst nicht an den Gesprächen der beiden Kriegspart eien beteiligt.

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