Krieg in der Ukraine: Arzt berichtet von der polnischen Grenze


Der Mediziner Wjahat Waraich hat in den vergangenen Tagen Hilfe geleistet im polnischen Medyka kurz vor der ukrainischen Grenze – Verletzte verarztet und unterkühlte Kinder behandelt.

Am Telefon berichtet der 34-Jährige WELT vom Gesundheitszustand der Menschen auf der Flucht und schildert die Lage in den Hilfszelten.

WELT: Wie geht es den Menschen, die an der Grenze ankommen?

Wjahat Waraich: Die Menschen kommen zu Fuß zur Grenze und sind oft bereits oft vier oder fünf Tage unterwegs. Das sind vor allem Kinder, Mütter und Alte. Sie sind erschöpft. Dadurch haben viele auf dem Weg Verletzungen erlitten, teils am Kopf oder an Beinen und Knien. Sie sind gestürzt. Fast alle Kinder sind unterkühlt – in den vergangenen Tagen waren es bis zu minus 15 Grad.

WELT: Warum leiden unter der Kälte vor allem Kinder?

Waraich: Kinder sind davon stärker betroffen, weil sie schneller auskühlen – besonders an Fingern, Beinen und Zehen. Bei vi ele haben wir Erfrierungen festgestellt. Daneben leiden sie an weiteren Beschwerden: Vor zwei Tagen sind etwa 50 Waisenkinder aus der Ostukraine angekommen. Vor der Weiterreise nach Deutschland und Österreich habe ich sie untersucht: Sie hatten Bauchschmerzen, Übelkeit und Durchfall. Die Älteren sind oft vorerkrankt und müssen Medikamente einnehmen, die sie nicht dabeihaben. Auch sie sind oft erschöpft und dehydriert. Als Arzt ist es meine Aufgabe, die Patienten entsprechend zu behandeln.

WELT: Wie helfen Sie und Ihre Kollegen den Menschen vor Ort?

Waraich: Die medizinische Versorgung ist bislang noch nicht ausreichend organisiert und strukturiert. Daran arbeiten wir gerade. Hilfsorganisationen haben eine Notfallambulanz aufgebaut, um die medizinische Grundversorgung und die Basisversorgung aufrechtzuerhalten. Wir kontrollieren den Blutzucker und Blutdruck, behandeln Schnittverletzungen und nähen Wunden. Operationen können wir nicht durchführen, der medizini sche Standard ist sowohl bei der Hygiene als auch bei den Instrumenten in den Zelten nicht gegeben. Schwerverletzte bringen wir in ein etwa 30 Kilometer entferntes Krankenhaus.

WELT: Was können Sie als Ärzte dann machen?

Waraich: Bei den niedrigen Temperaturen besteht ein großer Teil der Medizin darin, die Menschen aufzuwärmen. Wir versorgen sie also mit warmem Chai-Tee und Linsensuppe. Wir müssen zu jedem Einzelnen hingehen und fragen, wie es ihm geht. Die Menschen sind oft traumatisiert, stehen unter Schock und erinnern sich oft erst auf Nachfrage an Infektionen und Verletzungen, die behandelt werden müssen.

WELT: Werden die Menschen auch psychologisch betreut?

Waraich: Aktuell kümmern wir uns um die medizinische Akutversorgung der Flüchtlinge. Auf lange Sicht müssen sie aber natürlich psychologisch betreut werden. Die Kinder wie auch die Älteren haben ein großes Trauma erlebt. Im Camp geben die Helfer ihr Bestes und versuchen, zuzuhöre n. Doch es gibt Sprachbarrieren. Die psychologische Betreuung wird in Deutschland und den anderen Ankunftsländern noch eine große Herausforderung. Besonders Kinder müssen in den Unterkünften und Schulen aufgefangen werden.

WELT: Was machen die schrecklichen Bilder der Kriegsopfer auch mit den Helfern?

Waraich: Als Arzt engagiere ich mich seit 12 Jahren in verschiedenen Ländern Afrikas und Asiens. Ich kann sagen: Einen völlig professionellen Umgang mit Leid gibt es nicht. Wenn ich wie hier verwundete Kinder sehe, die ihre Eltern verloren haben, weil ihr Zuhause bombardiert wurde, lässt mich das natürlich nicht kalt. So geht es auch den anderen Helfern im Camp. Trotzdem habe ich gelernt, damit klarzukommen. Deshalb wird im Krisengebiet mehr geschultes Personal gebraucht. Private Hilfsbereitschaft ist gut und wichtig, die wird auch weiterhin in Deutschland benötigt. In der jetzigen Situation an der Grenze ist aber professionelle Hilfe gefragt, damit die Mensche n bestmöglich versorgt werden.

WELT: Gibt es nicht genügend medizinisches Personal an der Grenze?

Waraich: Nein. Vor Ort engagieren sich viele polnische Organisationen und Ersthelfer, ihre Hilfe muss man auch anerkennen. Doch ihnen fehlt oft das Fachwissen sowie Verbandsmaterial und Medikamente. Das sind überwiegend Freiwillige ohne medizinische Ausbildung. Auch Ärzte gibt es kaum: Ich war einer von zwei Ärzten im ganzen Camp. Das ist zu wenig für die vielen Menschen, die über die Grenze kommen. Pro Tag sind es mehrere Tausend bis Zehntausend, die das Camp in Medyka passieren. Benötigt werden also mehr medizinisches Personal und auch besser organisierte Strukturen.

WELT: Was fehlt noch?

Waraich: Vor allem gängige Medikamente werden gebraucht, die auch in Deutschland eingenommen werden – etwa gegen Blutdruck oder Diabetes. Auch Antibiotika und Mittel gegen Übelkeit und Durchfall fehlen. Wir benötigen Nähmaterialien, chirurgische Instrumente und Infusionen. Außerdem haben wir immer noch eine Pandemie. Die meisten Menschen auf der Flucht haben keine Maske dabei. Sie mussten ihre Häuser und Wohnungen plötzlich verlassen und konnten nur das Nötigste mitnehmen.

WELT: Welche Rolle spielt Corona im Camp? Die Pandemie rückt beim Leid der Menschen eher in den Hintergrund, doch die Impfquote in der Ukraine ist gering.

Waraich: Uns fehlen noch die organisatorischen Strukturen für eine Aufnahme mit Gesundheitscheck. In der Regel erfolgt das erst später an den Aufnahmestellen in Bahnhöfen und Messehallen der Ankunftsländer. Auf der einen Seite steht das im Camp nicht an erster Stelle. Wenn die Menschen aus der Ukraine an der polnischen Grenze ankommen, können die Helfer sie nicht direkt nach ihrem Impfstatus fragen. Das gehört sich nicht. Die Geflüchteten haben schließlich größere Sorgen, Kinder haben ihre Väter verloren und Frauen ihre Männer zurückgelassen. Auf der anderen Seite muss am besten n och vor ihrer Aufnahme erhoben werden, ob sie gegen Covid-19 geimpft sind. Vielen fehlt die Impfung bisher tatsächlich noch.

WELT: Wie könnte man damit umgehen?

Waraich: Was in der Ukraine passiert, ist eine humanitäre Krise, die die Europäische Union (EU) unmittelbar betrifft. Die EU müsste in Zeiten von Corona und Krieg vor Ort organisierte Strukturen schaffen, um das Infektionsgeschehen im Blick zu behalten und ein einheitliches Verfahren etablieren, damit etwa jeder Mensch beim Übertritt der Grenze ärztlich gesichtet wird. Die Flüchtlinge werden derzeit direkt in Bussen transportiert und dann in ganz Europa verteilt. Viele kommen auch nach Deutschland mit dem Zug. Den Aufnahmeländern würde es die Unterbringung der Menschen erleichtern, wenn ihr Impf- und Gesundheitsstatus schon vorher registriert werden würde. Oftmals fehlen ihnen auch die notwendigen Impfungen gegen Polio oder Massen.

WELT: Breitet sich Corona durch die Flucht weiter aus?

Waraich: Aktuell liegt Deutschland bei der Inzidenz in Europa sehr weit vorne. Das ist eher für die Ukrainer bedrohlich als andersherum. Nach meiner Einschätzung wird die Fluchtbewegung keinen wesentlichen Einfluss auf die Ausbreitung von SARS-CoV-2 nehmen.

WELT: Gibt es im Camp auch andere Infektionskrankheiten wie Tuberkulose?

Waraich: Derzeit haben wir vor Ort keine Möglichkeit Tuberkulose (TBC) in einem Labor gezielt zu diagnostizieren. Jedoch ist davon auszugehen, dass auch TBC-Erkrankte unter den vielen Flüchtlingen sind. In Osteuropa kommt die Infektionskrankheit häufiger vor.

WELT: Sie sind auf dem Rückweg nach Deutschland. Könnten Sie sich vorstellen, als Arzt bald wieder in die Nähe der Ukraine zu gehen?

Waraich: Absolut! Ich würde sofort wieder hinfahren. Da die Arbeit an der Grenze ehrenamtlich ist, muss ich das aber auch mit meinen beruflichen Verpflichtungen vereinbaren. Um zu helfen, nehme ich mir gerne Urlaub. Die Menschen in der Ukraine sind in großer Not. Meine Eltern mussten in den 80ern selbst aufgrund von religiöser Verfolgung aus Pakistan fliehen. Ihnen wurde geholfen, sie wurden in Deutschland aufgenommen. Ich bin in Hannover geboren und habe Medizin studiert. Als Kind einer Flüchtlingsfamilie halte ich es für meine Pflicht, den Menschen jetzt beizustehen und Solidarität zu zeigen.

Zur Person:

Dr. Wjahat Waraich, 34, praktiziert als Krankenhausarzt in der Region Hannover. Seit 12 Jahren engagiert er sich in Entwicklungsländern bei der Hilfsorganisation „Humanity First". Gerade war er in Medyka an der polnisch-ukrainischen Grenze im Einsatz. Zudem ist er Bezirksbürgermeister Bothfeld-Vahrenheide in Hannover (SPD).

Dr. Wjahat Waraich arbeitet als Arzt an der polnisch-ukrainischen Grenze

Quelle: privat

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