Krieg in der Ukraine: Angriffe auf Lwiw – Russische Truppen rücken näher an polnische Grenze


Russische Streitkräfte haben am Sonntagmorgen einen Truppenübungsplatz in der Westukraine angegriffen und damit ihre Offensive näher an die Grenze zu Polen gebracht.

Acht Raketen seien auf den 30 Kilometer nordwestlich von Lemberg (Lwiw) gelegenen Truppenübungsplatz Jarowiw abgefeuert worden, teilte die Regionalverwaltung mit, zunächst, ohne Angaben zu möglichen Opfern zu machen.

Wenig später dann hieß es via die Nachrichtenagentur AFP, dass neun Menschen getötet und 57 weitere verletzt worden sind. In dem von Russland angegriffenen Internationalen Zentrum für Friedenssicherung und Sicherheit hätten auch „ausländische Ausbilder" gearbeitet, erklärte der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow am Sonntag im Onlinedienst Twitter.

Der Schießplatz liegt 35 Kilometer von der Grenze der Ukraine zu Polen entfernt. Die Menschen wurden aufgerufen, in Notunterkünften zu bleiben. Zunächst war unklar, was genau Ziel der Angriffe war. Südwestlich von Lwiw liegt ein Flughafen. Außerdem gibt es an der Grenze zu Polen eine ukrainische Militärbasis.

Ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur hatte am Sonntagmorgen von mehreren Detonationen berichtet, auch WELT-Reporter Ibrahim Naber schrieb bei Twitter über Explosionen. Es wurde Luftalarm ausgelöst. Zunächst war unklar, was genau Ziel der Angriffe war.

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Seit 2015 entsenden die USA regelmäßig Ausbilder auf den Platz, um das ukrainische Mili tär zu schulen, die Anlage war auch Schauplatz internationaler Nato-Übungen.

Er ist auch als Internationales Zentrum für Friedenssicherung und Sicherheit in Jarowiw bekannt.

Die militärische Lage in der Ukraine

Quelle: Infografik WELT

Präsident Wolodymyr Selenskyj beschuldigte Russland unterdessen, sein Land spalten zu wollen und mit der angeblichen Verhaftung eines Bürgermeisters aus einer Stadt westlich von Mariupol „eine neue Phase des Terrors" eingeleitet zu haben. „Die Ukraine wird diese Prüfung bestehen. Wir brauchen Zeit und Kraft, um die Kriegsmaschinerie zu brechen, die in unser Land gekommen ist", sagte er in seiner abendlichen Ansprache an die Nation am Samstag.

Mit Angriffen von mehreren Seiten erhöht die russische Armee den Druck auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Nach Angaben des ukrainischen Präsidentenberaters Mychailo Podoljak befindet sich Kiew im „Belagerungszustand".

Inzwischen rücke n russische Panzer zudem von Nordosten her immer rascher auf Kiew vor. Russland werde die Hauptstadt Kiew jedoch nur dann einnehmen können, wenn es die Stadt dem Erdboden gleichmache, erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky.

Polen und die Ukraine verbindet eine mehr als 500 Kilometer lange Staatsgrenze.

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Gleichzeitig versuchen russische Einheiten nach ukrainischen Angaben weiter eine Erstürmung der Stadt Mariupol. Das teilte der ukrainische Gene ralstab in einem in der Nacht zu Sonntag auf Facebook veröffentlichten Bericht mit.

Frauen und Kinder in einem Krankenhaus der belagerten Stadt Mariupol

Quelle: AP/Evgeniy Maloletka

In der von der russischen Armee belagerten Hafenstadt Mariupol im Südosten der Ukraine scheiterte am Samstag ein weiterer Anlauf zur Evakuierung von Zivilisten. 50 Busse hätten wegen Beschusses nicht abfahren können, teilte das russische Verteidigungsministerium mit.

Die ukrainische Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk sagte, die Kolonne sei fünf Stunden an einem Kontrollpunkt festgehalten worden sei. Am Sonntag solle es einen weiteren Versuch geben. Anderswo hätten die Fluchtkorridore funktioniert, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Insgesamt hätten an dem Tag 12 729 Menschen belagerte und umkämpfte Städte verlassen können, der Großteil davon aus der Stadt Sumy im Nordosten.

Russische Statthalterin in der Stadt des vermissten Bürgermeisters

Erstmals hat Russland in einem eroberten Gebiet eine eigene Statthalterin eingesetzt: Die prorussische Abgeordnete Halyna Daniltschenko rief die Einwohner der südukrainischen Stadt Melitopol auf, sich „an die neue Realität" anzupassen. Zugleich verlangte sie, die Einwohner sollten nicht mehr gegen die russischen Besatzungstruppen demonstrieren. Der Bürgermeister war zuvor von bewaffneten Soldaten verschleppt worden.

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„Trotz unserer Anstrengun gen, gibt es noch immer Leute in der Stadt, die versuchen, die Situation zu destabilisieren und Euch zu extremistischen Handlungen auffordern", sagte Daniltschenko in einer Videobotschaft. Sie wolle ein „Komitee der Volksdeputierten" schaffen, das die Stadt mit knapp 150.000 Einwohnern leitet.

Russland hatte angekündigt, die Ukraine „entnazifizieren" zu wollen. Der Kreml behauptet, die Führung in Kiew werde von „Nazis" kontrolliert. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat jüdische Wurzeln. Ein Hilfskonvoi, der auf dem Weg nach Mariupol gewesen war, wurde nach ukrainischen Angaben von russischen Soldaten geplündert. Ein weiterer sei aufgehalten worden, sagte eine ukrainische Gewährsperson, die nicht namentlich zitiert werden wollte. Unabhängig konnten die Angaben nicht bestätigt werden.

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Eine russische Offensive stehe zudem der Stadt Sjewjerodonezk mit 100.000 Einwohnern im Gebiet Luhansk bevor, heißt es in dem Generalstabsbericht weiter. Moskau hatte zuvor am Samstag mitgeteilt, dass die prorussischen Separatisten die Stadt erreicht hätten.

Im Donezker Gebiet bereiteten russische Einheiten zudem eine Offensive auf die Kleinstadt Wuhledar vor. Aus dieser konnten am Samstag nach ukrainischen Angaben rund 200 Menschen evakuiert werden.

Im Süden des Landes gebe Russland zudem keine Versuche auf, eine Offensive gegen die Industriegroßstadt und Heimatstadt des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Krywyj Rih, z u führen, heißt es in dem Bericht weiter.

Die Versuche seien bislang erfolglos gewesen. Die russischen Truppen seien aber auf der Suche nach Schwachstellen in der Verteidigung der ukrainischen Sicherheitskräfte und bauten Kräfte für die Operation gegen die Stadt mit über 600.000 Einwohnern auf.

>>> Lesen Sie hier alle Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine im Liveticker >>>

Bei Gefechten in der ostukrainischen Stadt Swjatohirsk in der Region Donezk ist nach ukrainischen Medienberichten das Himmelfahrtskloster beschädigt worden. Das berichtete die Internet-Zeitung „Ukrajinska Prawda" in der Nacht zu Sonntag.

Ein Konvoi prorussischer Truppen im von Separatisten kontrollierten Teil der Region Donezk

Quelle: REUTERS

Demnach detonierte am späten Samstagabend eine Fliegerbombe rund 50 Meter vom Eingang des Klosters entfernt. Durch die Druckwelle seien praktisch alle Fenster und kirchliche Einrichtungen in unt erschiedlichem Ausmaß zerstört worden.

Mehrere Verletzte seien ins Swjatohirsk-Krankenhaus gebracht, der Rest im Kloster behandelt worden, hieß es weiter. Es gebe keine Toten. Die Angaben sind nicht unabhängig zu prüfen.

Selenskyj droht Kollaborateuren

Möglichen Kollaborateuren und Unterstützern Russlands in der Ukraine hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj unterdessen mit Konsequenzen gedroht. Wer sich von Angeboten der russischen Besatzer in Versuchung geführt sehe, unterschreibe damit sein eigenes Urteil, sagte er in einer in der Nacht zu Sonntag veröffentlichten Videobotschaft.

„Das Urteil lautet, mehr als 12.000 Besatzern zu folgen, die nicht rechtzeitig verstehen konnten, warum die Ukraine nicht angegriffen werden sollte." Er spielte damit auf die Zahl von 12.000 russischen Soldaten an, die nach ukrainischen Angaben bisher in dem Krieg getötet worden sind.

Die Ukraine beziffert die Zahl der im bisherigen Kriegsverlauf umg ekommenen eigenen Soldaten auf rund 1300. Am Freitag hätten sich zudem 500 bis 600 russische Soldaten ergeben. Diese Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Selenskyj bezog sich in seinen Aussagen auf jüngste Ereignisse in den von Russland besetzten Territorien der Region Cherson im Süden des Landes. Russland versuche dort, die „traurige Erfahrung der Bildung von Pseudo-Republiken zu wiederholen", erpresse lokale Politiker, übe Druck auf Abgeordnete aus und suche nach jemandem, den es bestechen könne, um eine „Volksrepublik Cherson" zu gründen.

Dramatische humanitäre Lage

Die russische Seite gab unterdessen zu, dass sich die humanitäre Lage in der Ukraine rapide weiter verschlechtert. Einem ranghohen Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums zufolge habe diese In einigen Städten katastrophale Ausmaße angenommen, zitiert die Agentur Ria Michail Misintsew, den Chef des Nationalen Verteidigungs-Kontrollzentrums.

Moskau macht dafür je doch vor allem die Ukraine verantwortlich. Die Agentur Interfax zitiert das Ministerium mit den Worten, die Ukraine habe sich erneut geweigert, humanitäre Korridore nach Russland zu öffnen.

Die Fluchtbewegung aus der Ukraine

Quelle: Infografik WELT/Isabell Bischoff

Nach ukrainischen Angaben sind am Samstag jedoch rund 13.000 Menschen aus mehreren Städten des Landes evakuiert worden. Das seien fast doppelt so viele wie am Freitag, erklärt die stellvertretende Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk. Es sei aber niemandem gelungen, die belagerte Stadt Mariupol zu verlassen.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben sich fast 1,7 Millionen Menschen in Polen in Sicherheit gebracht. Das teilte der polnische Grenzschutz am Sonntag beim Kurznachrichtendienst Twitter mit. Allein am Samstag hätten rund 79.800 Menschen die Grenze überschritten, eine Zunahme um fünf Prozent gegenüber dem Vortag. Besonders stark war der Zustrom demnach am Gr enzübergang Medyka in der Woidwoschaft Karpatenvorland.

Erste Bewegung bei Gesprächen

Präsident Selenskyj sieht nach dem hartnäckigen militärischen Widerstand der Ukrainer erste Veränderungen der Position Russlands. „Jetzt haben sie begonnen, über etwas zu reden – und nicht einfach Ultimaten zu stellen", sagte er am Samstag vor internationalen Journalisten in Kiew. Der 44-Jährige ist nach eigenen Worten zufrieden damit, da es das erste Mal seit über zwei Jahren sei, dass Moskau zu einem Dialog bereit sei.

Bereits am Freitag hatte Russlands Präsident Wladimir Putin von Bewegung bei den Verhandlungen gesprochen. Die russischen Verhandlungsführer hätten über „gewisse positive Veränderungen" bei den „praktisch täglich" geführten Gesprächen informiert. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte der Agentur Interfax, die Gespräche würden nun im Online-Format abgehalten. Die Ukraine bestätigte das.

Selenskyj hielt die Einbeziehung der westlich en Partner der Ukraine in die Verhandlungen der Agentur Unian zufolge für unzureichend. Mit Blick auf Sicherheitsgarantien für sein Land sagte er: Die Ukraine könne Russland „nach einem so blutigen Krieg nicht vertrauen".

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