Hunger-Krise in der Ukraine? WFP-Direktor Beasley im Interview


Rauchschwaden über der Kornkammer der Welt: Im Ukrainischen Wolyn kam es am vergangenen Freitag zu Bombeneinschlägen. Bild: dpa

David Beasley, der Direktor des UN-Welternährungsprogramms, hofft, dass Lebensmittel-Blockaden in der Ukraine nicht als Waffe eingesetzt werden. Im Interview warnt er vor den Folgen des Krieges für andere Weltregionen.

Herr Beasley, was ist Ihre dringendste Aufgabe in der Ukraine?

Wir bauen gerade die Logistik mit den Lieferketten für die Nahrungsmittelversorgung in der Ukraine auf, mit der wir 3 bis 5 Millionen Menschen in der Ukraine erreichen wollen. 2,5 Millionen Menschen haben schon das Land verlassen. Das sind die Glücklichen. Es gibt aber noch knapp 2 Millionen Geflohene innerhalb der Ukraine. Die Versorgungssysteme brechen gerade zusammen; all das wird noch schlimmer werden. 40 Millionen Menschen in der Ukraine müssen versorgt werden. Es ist eine riesige Aktion. Gelingt das nicht, kommt es zu einem Massen-Exodus mit unabsehbaren Folgen.

Wie erreichen Sie die Menschen bei der fortgesetzten Bombardierung?

80 Prozent unserer Arbeit vollzieht sich in Kriegsgebieten, etwa in Syrien, Jemen oder Äthiopien. Wir haben also Erfahrung. Doch in der Ukraine ist eine sehr aggressive Militäraktion im Gange. Die Schlachtlinien ändern sich jeden Tag. Wir errichten Lagerhäuser an einem Ort, den wir für sicher halten, doch kurz darauf kann es zu Sabotage oder Kriegshandlungen kommen.

Schaffen Sie es etwa nach Mariupol?

Daran arbeiten wir intensiv. Wir versuchen, das gemeinsam mit anderen UN-Organisationen. Doch das ist extrem gefährlich. Stündlich beobachten wir, welche Straßen sicher sind und welche nicht. Wir stehen mit allen Kriegsparteien in Kontakt und hoffen, dass Russland und alle beteiligten Seiten uns den Zugang erlauben. Wie in jedem Krieg, können sie freilich eine Zusage von oben haben, doch das heißt nicht, dass irgendein Soldat nicht trotzdem schießt.

David Beasley, der Direktor des UN-Welternährungsprogramms WFP : Bild: Imago

Wie sieht es in anderen Städten aus?

Nach Charkiw, der zweitgrößten Stadt, bringen wir Weizenmehl, damit die dortigen Bäckereien Brot für 60.000 Einwohner backen können. Wir brauchen aber noch mehr Korridore und sichere Lieferketten. Derzeit haben wir 65 Lastwagen in der Ukraine; es ist nicht leicht, Fahrer und Leute für das Be- und Entladen zu bekommen, viele ukrainische Männer sind ja an der Front. Die Laster tragen deutlich das WFP-Logo, um zu sagen: Nicht schießen! Es geht auch darum, die Getreidelager zu schützen. Die Ukraine hat ja viel Getreide. In normalen Zeiten kaufen wir die Hälfte unseres Bedarfs in der Ukraine ein. Wir versuchen jetzt herauszufinden, wie viel es wo gibt, um davon möglichst viel zu kaufen. In Kiew sind gerade 500 Tonnen Weizen und 26 Tonnen nährstoffreiche Energiekekse angekommen. Das übergeben wir in der Regel der lokalen Verwaltung, die dann die Verteilung in die Hand nimmt.

Haben Sie Anzeichen dafür, dass Lebensmittel-Blockaden in der Ukraine als Waffe eingesetzt werden?

Das ist in Kriegsgebieten ja oft der Fall. Wir beten, dass es in der Ukraine nicht passiert.

Was unterscheidet diesen Krieg von anderen Kriegen, die Sie kennen?

Dieser Krieg wird globale Auswirkungen haben, die sich viele noch gar nicht vorstellen können. Sie müssen wissen, dass wir schon vorher einen perfekten Sturm hatten. Als ich vor fünf Jahren bei WFP anfing, zählten wir 80 Millionen Menschen am Rande des Hungers, also solche, die es vielleicht gerade so schaffen, aber eigentlich nicht wissen, woher die nächste Mahlzeit kommt. Die Zahl stieg bis 2020 wegen Kriegen und wegen des Klimawandels auf 135 Millionen Menschen. Dann kam Covid, und es wurden 276 Millionen, davon haben 44 Millionen Menschen in 38 Ländern an der Schwelle zur Hungersnot. Und jetzt haben wir den Krieg in der Ukraine, der die Getreidelieferungen explosionsartig verteuert und verknappt. Die Ukraine und Russland stehen für 30 Prozent der Weizenlieferungen in der Welt, 20 Prozent des Mais und 76 Prozent der Sonnenblumenkerne. Daher erleben die Länder Nordafrikas zwischen dem Atlantik und dem Roten Meer einen Schock. Denken sie an die G etreidepreissteigerungen 2011 zurück. Man zählte damals 90 Aufstände in Folge der gestiegenen Brotpreise. Jetzt ist es noch schlimmer, denn die Länder sind wegen Covid, wegen der Kriege und des Terror durch den IS, Al-Qaida und Boko Haram sowie wegen des Klimawandels in einer viel schlechteren Verfassung.

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Was bedeutet das für uns?

Wenn Sie glauben, dass die syrische Flüchtlingskrise ein Problem war – ein Land mit 21 Millionen Menschen – dann denken Sie daran, dass in der weiteren Sahelzone 500 Millionen Menschen leben. Das könnte die syrische Flüchtlingskrise wie ein Picknick im Park aussehen lassen.

Es droht uns also eine Flüchtlingswelle von Osten und von Süden?

So ist es. Die paar Millionen, die aus der Ukraine kommen, können verblassen gegenüber dem, was aus dem Süden nach Europa zu kommen droht. Daher müssen wir an all diesen Fronten arbeiten. Man darf die Sahelzone und Nordafrika wegen des Ukraine-Krieges nicht ignorieren.

Zurück zum WFP: Sie müssen das Getreide jetzt auch teurer einkaufen, richtig?

Normalerweise nutzen wir Zeiten mit niedrigen Preisen, um uns einzudecken. Doch jetzt geht das nicht mehr. Wir haben 9 Milliarden Dollar weniger als wir brauchen. Die monatlichen Kosten sind um 70 Millionen Dollar gestiegen, weil auch wir mit höheren Kosten für Treibstoff, Transport und Lebensmittel konfrontiert sind.

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Wie reagieren Sie darauf?

Wir müssen leider unsere Rationen verringern. In einem Land wie Niger haben wir die Rationen um die Hälfte verringert. Wir erreichen ohnehin nur die Hälfte der Bevölkerung, und jetzt geben wir ihnen noch mal die Hälfte weniger von dem, was sie bräuchten. Wir nehmen das Geld also von den Leuten, die nicht satt werden, und geben es jenen, die richtig hungern. Oft dauert es nur einige Monate, bis die Unterernährten dann auch zu den Hungernden gehören.

Wer kann die Finanzlücke stopfen?

Wir hängen zum großen Teil von Zuweisungen der Regierungen ab. Die Vereinigten Staaten und Deutschland sind die größten Beitragszahler, denen wir sehr dankbar sind. Ich habe auch versucht, die Milliardäre dieser Welt zu mobilisieren, bin aber nicht sehr weit gekommen. Der Sommer und der Herbst werden nicht gut sein. Wenn Sie glauben, dass die Lage jetzt schlecht ist, dann sage ich: Es kommt ein noch viel schwererer Sturm.

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