Ukraine: Russische Truppen aus Norden offenbar komplett abgezogen


Nach ukrainischen Angaben sind mehr als 30 Menschen bei einem Raketenangriff auf den Bahnhof von Kramatorsk im Osten der Ukraine gestorben. Mehr als Hundert seien verletzt worden, teilte die ukrainische Eisenbahngesellschaft mit.

Es handele sich um einen „gezielten Angriff auf die Passagier-Infrastruktur der Bahn und die Bewohner von Kramatorsk", schrieb Bahn-Chef Alexander Kamyschin am Freitag auf Twitter. Der Bahnhof, von dem aus seit Tagen tausende Menschen vor einem befürchteten russischen Großangriff auf die Ostukraine fliehen, war am Morgen demnach von zwei Raketen getroffen worden.

Auf Aufnahmen in den sozialen Medien waren dutzende Leichen zu sehen. Ein AFP-Reporter vor Ort sah nach dem Angriff am Freitag mindestens 20 Leichen in Leichensäcken. Zahlreiche Menschen sollen auf dem Bahnhof auf ihre Evakuierung gewartet haben. Russland hat angekündigt, sich militärisch künftig auf die „Befreiung" der Donbass-Region im Osten der Ukraine zu konz entrieren. Die Regionalbehörden hatten die Bewohner der Region daher aufgefordert, in Richtung Westen zu fliehen.

Unterdessen teilte das britische Verteidigungsministerium mit, dass der Abzug der russischen Truppen aus dem Norden der Ukraine nach Erkenntnissen britischer Geheimdienste abgeschlossen sei. Mindestens ein Teil dieser Kräfte werde wohl zum Kampf in die östliche Region Donbass verlegt.

Viele Einheiten müssten jedoch zuerst verstärkt werden, so die Einschätzung der britischen Experten. Sie rechnen daher damit, dass es mindestens eine Woche dauern wird, bis die zuletzt im Norden der Ukraine eingesetzten russischen Verbände in größerem Maßstab im Osten des Landes zum Einsatz kommen werden.

Der Beschuss ukrainischer Städte im Süden und Osten der Ukraine halte unterdessen an, hieß es weiter. Russische Verbände seien zudem von der strategisch wichtigen Stadt Isjum in Richtung Süden vorgestoßen.

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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht derweil weitere Gräueltaten russischer Truppen in der Ukraine. In der Kleinstadt Borodjanka bei Kiew, wo Aufräumarbeiten liefen und Rettu ngskräfte Trümmer beseitigten, sei es „viel schrecklicher" als in Butscha, sagte Selenskyj in seiner Videobotschaft, die am Donnerstagabend auf Telegram und Facebook veröffentlicht wurde. Dort seien „noch mehr Opfer" russischer Einheiten. Konkrete Details nannte er nicht.

Laut Selenskyj bereiten sich die Russen darauf vor, die Welt auf die gleiche Weise zu schockieren, indem sie Leichen wie in Mariupol zeigten und fälschlicherweise behaupteten, sie seien von den ukrainischen Verteidigern getötet worden.

Auch ukrainische Behördenvertreter befürchten hohe Opferzahlen in der Kleinstadt. Aus den Trümmern von zwei ausgebombten Wohnhäusern seien alleine 26 Leichen geborgen worden, schrieb die Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa am Donnerstagabend auf Facebook. Wie viele Opfer es insgesamt gegeben habe, sei derzeit schwer abzuschätzen.

Ein Retter hält ein gerettetes Kätzchen in Borodjanka

Quelle: dpa/-

Feuerwehrleute entfernen Trümmer, um unter den Trümmern eines zerstörten Wohnhauses in Borodjanka nach Überlebenden zu suchen

Quelle: dpa/Alex Chan

Auf dem Markt in Borodjanka stehen zerbrochene und verwüstete Container

Quelle: dpa/-

Am Donnerstag hatte der ukrainische Innenminister Denys Monastyrskyj gesagt, Borodjanka sei eine der am stärksten zerstörten Städte in der Region Kiew. Angaben der ukrainische Generalstaatsanwaltschaft zufolge soll es in der Stadt die meisten Opfer in der Region Kiew geben. Bislang haben die Behörden aber noch keine Zahlen für diesen Ort genannt. Seit Mittwoch sucht der ukrainische Zivilschutz dort nach Überlebenden und Opfern.

Selenskyj stellte in der Videobotschaft zudem die Frage, was passieren werde, wenn die Welt erfahre, was russische Einheiten in der schwer umkämpften Hafenstadt Mariupol getan hätten. Dort sei auf „fast jeder Straße" das, was die Welt nach dem Abzug der russischen Truppen in B utscha und anderen Städten in der Region Kiew gesehen habe. Die Angaben konnten nicht unabhängig geprüft werden.

Selenskyj dankte in seiner Ansprache zudem Botschaften und Botschaftern, die mittlerweile in die Hauptstadt Kiew zurückgekehrt seien und ihre Arbeit wieder aufgenommen hätten. Dies sei ein klares Signal an Moskau, dass Kiew die Hauptstadt der Ukraine sei, „und keine Provinzstadt Russlands". Die Arbeit in Kiew haben laut Selenskyj die türkische und die slowenische Botschaft wieder aufgenommen, der litauische Botschafter war am Donnerstag zurückgekehrt.

Die ukrainische Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa hatte zuvor den Fund dutzender Leichen in Wohngebieten von Borodjanka gemeldet. „Allein aus den Trümmern von zwei Wohnblöcken wurden 26 Leichen geborgen", erklärte sie im Onlinedienst Facebook. Wie viele weitere Tote in der nordwestlich von Kiew gelegenen Stadt noch gefunden werden, sei „unmöglich vorherzusagen".

Ein Str aßenschild vor dem Hintergrund von Rettungskräften zu sehen, die die Trümmer eines mehrstöckigen Wohngebäudes beseitigen

Quelle: dpa/-

Sauerstoffflaschen in einem Auto mit der Aufschrift "Sprengfalle". Neben dem Auto ist eine Landmine zu sehen

Quelle: dpa/Matthew Hatcher

Ein Anwohner sucht in den Trümmern eines zerstörten Wohnhauses nach Habseligkeiten

Quelle: dpa/Vadim Ghirda

Wenediktowa warf Russland erneut Kriegsverbrechen vor. Beweise dafür „finden sich auf Schritt und Tritt", erklärte sie. In Borodjanka gebe es keine militärischen Einrichtungen, „ihr einziges Ziel war die Zivilbevölkerung".

Die Russen hätten Streubomben und schwere Mehrfach-Raketenwerfer-Systeme eingesetzt, fügte Wenediktowa hinzu. Sie beschuldigte die russischen Streitkräfte, Zivilisten „zu töten, zu foltern und zu schlagen" sowie sexuelle Übergriffe zu begehen. Die ukrainischen Behörden würden in Borodjanka B eweise für Russlands Schuld für örtliche und internationale Gerichte sammeln.

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Bei einem Ra ketenangriff durch russische Streitkräfte sind ukrainischen Angaben zufolge Infrastruktureinrichtungen in der Region Odessa im Süden des Landes getroffen worden. Das berichtete die ukrainische Internetzeitung „Ukrajinska Prawda" mit Berufung auf den Stadtrat von Odessa in der Nacht zu Freitag. Der Raketenangriff wurde demnach vom Meer aus gestartet. Details zu den genauen Zielen und Schäden des Vorfalls gab es zunächst nicht.

Ukrainischer Verteidigungsminister - Russland ändert Taktik

Dem ukrainischen Verteidigungsminister Oleksij Resnikow zufolge ändert Russland seine Taktik und konzentriert sich nun vor allem auf Anfriffe aus der Luft. „Die Lage ist nach wie vor äußerst schwierig, vor allem im Süden und Osten. Russland konzentriert seine Kräfte für einen starken Angriff", sagte Resnikow auf Englisch in einer auf Youtube veröffentlichten Videoansprache.

Es bedankte sich für bisherigen Waffenlieferungen, sagte aber auch, dass die Ukraine nun Lufta bwehrsysteme, Langstreckenartillerie, Panzer und Schiffsabwehrraketen braucht. Man warte darauf, so schnell wie möglich die von den Nato-Ländern verwendeten Waffen zu erhalten, so Resnikow.

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Nach Angaben der von pro-russischen Kräften eingesetzten Stadtverwaltung von Mariupol sind bei den Kämpfen in der ukrainischen Hafenstadt bislang rund 5000 Zivilisten getötet worden. Der „neue Bürgermeister" Konstantin Iwaschtschenko sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Tass laut am Donnerstag vorab veröffentlichten Auszügen eines Interviews, dass in der Stadt zudem „60 bis 70 Prozent" aller Wohnungen zerstört oder beschädigt seien.

Iwaschtschenko schätzte außerdem, dass 250.000 Menschen die Stadt verlassen hätten, aber mindestens ebenso viele, wenn nicht sogar 300.000, noch in der Stadt seien. Die Ukraine schätzt hingegen, dass sich noch 100.000 Menschen in der Stadt befinden, in der die humanitäre Lage katastrophal ist. Die ukrainischen Behörden hatten die Zahl der zivilen Opfer zudem auf „zehntausende" geschätzt u nd die Zerstörung auf „90 Prozent".

Pro-russische Truppen kontrollieren Wohnhäuser in Mariupol

Quelle: REUTERS

Einwohner werden von pro-russischen Truppen kontrolliert

Quelle: REUTERS

Iwaschtschenko sagte hingegen, dass in einer der „am besten erhaltenen" Schulen „in diesem Monat" der Unterricht wieder aufgenommen werden könnte. „Wir werden den Generator eine Zeit lang einschalten", um den Strom bereitzustellen, sagte er. Allerdings werde die Verwaltung „kein Wasser bereitstellen können". Er fügte hinzu: „Wir werden die Kinder nicht ernähren können, aber wir werden vielleicht zwei bis drei Unterrichtsstunden am Tag haben."

Russland setzt bei den Kämpfen pro-russische Separatisten aus der Ostukraine sowie die gefürchteten Truppen des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow ein. Nach Angaben der Separatisten konzentrieren sich die Kämpfe auf ein großes Stahlwerk der Azovstal-Gruppe und auf den Hafen.

„Es ist eine Stadt in der Stadt", beschrieb der Kommandeur der separatistischen Kräfte aus Donezk, Eduard Bassurin, das Industriegebiet. „Es gibt mehrere unterirdische Ebenen aus der Sowjetzeit, die man nicht von oben bombardieren kann, sondern unterirdisch säubern muss." Das wird „einige Zeit dauern", sagte Bassurin dem russischen Sender Perwy Kanal.

Seinen Angaben zufolge kämpfen dort „3000 bis 3500" ukrainische Soldaten, sowie eine unbestimmte Anzahl Zivilisten, die zu den Waffen gegriffen haben. Seine Truppen blockierten die Ausgänge zum Tunnelsystem und warteten auf die Kapitulation der Gegner. Darüber hinaus gebe es aber auch noch Widerstandsnester im Zentrum der Stadt.

Die russische Armee belagert Mariupol seit Wochen und ist mit erbittertem ukrainischem Widerstand konfrontiert. Die humanitäre Lage dort ist nach Angaben beider Seiten katastrophal, und die Stadt liegt weitgehend in Trümmern. Die Einnahme ist für Rus sland von strategischer Bedeutung, da sie eine Landverbindung zwischen der 2014 annektierten Krim-Halbinsel und der von den Separatisten kontrollierten Region in der Ostukraine herstellen würde.

Mehr als 4500 Menschen in Sicherheit gebracht

Nach ukrainischen Angaben sind am Donnerstag mehr als 4500 Menschen aus umkämpften Gebieten in Sicherheit gebracht worden. Rund 1200 stammten aus der von russischen Truppen belagerten Hafenstadt Mariupol, weitere rund 2000 aus mehreren Städten im Gebiet Saporischschja, teilte die Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk in einer Videobotschaft am Donnerstagabend mit.

Aus dem Gebiet Luhansk im Osten des Landes seien aus den Städten Lissitschansk, Sjewjerodonezk, Rubischne und Kreminna zudem weitere rund 1400 Menschen evakuiert worden.

Quelle: Infografik WELT/Beate Nowak

Die ukrainische Regierung hatte am Morgen landesweit zehn Fluchtkorridore angekündigt. Die Routen werden jeden Tag neu eingerichtet. Aus Mos kau hieß es, aus Mariupol seien binnen 24 Stunden mehr als 2000 Menschen ohne Beteiligung ukrainischer Behörden evakuiert worden. Russland und die Ukraine werfen sich immer wieder gegenseitig vor, die Evakuierung von Ortschaften und Städten zu sabotieren.

Drei aus dem Osten des Landes abfahrende Evakuierungszüge konnten einem Bericht der ukrainischen Internetzeitung „Ukrajinska Prawda" indes wieder ihre Fahrt aufnehmen. Zuvor hatte es von ukrainischer Seite geheißen, die letzte unter ukrainischer Kontrolle stehende Eisenbahnlinie nach Westen sei unter russischen Beschuss geraten. Die Züge hielten daraufhin in den Städten Slowjansk und Kramatorsk und warteten den Beschuss bei Barwinkowe im Gebiet Charkiw ab. Unter den Passagieren habe es keine Verletzten gegeben, berichtete die „Prawda" in der Nacht zu Freitag unter Berufung auf Angaben der Gebietsverwaltung von Donezk.

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