Wenn sich der Krieg zur Abnutzungsschlacht entwickelt, wird es für die Ukrainer schwieriger als für die Russen. Zumal Putin zu allem bereit erscheint – zum Einsatz von Giftwaffen, notfalls zu einem zweiten Krieg.
Tomas Avenarius
Publiziert heute um 11:19 UhrPutin ist keiner, der Niederlagen eingesteht: Spuren der Verwüstung in Charkiw.
Foto: Sergey Bobok (AFP)
Im Krieg zählen Lüge und Täuschung zu den Waffen der Wahl. Wenn der stellvertretende Moskauer Generalstabschef erklärt, die russische Armee habe den Feind stark geschwächt und die meisten Kriegsziele in der Ukraine bereits erreicht, dann zielt das auf die sogenannte Heimatfront ab: Wladimir Putin will das eigene Volk für dumm verkaufen. Aber der Präsident will zugleich seinen Gegner täuschen. Die Ukrainer sollen glauben, dass Moskau angesichts des Fiaskos auf dem Schlachtfeld sein Gesicht wahren möchte und eine Verhandlungslösung ansteuert.
Mitnichten. Der Kremlchef wird nicht nachgeben. Putin ist keiner, der Niederlagen eingesteht. Selbst wenn er sich in einigen Wochen gezwungen sehen sollte, die für Moskau von Anfang an schiefgelaufene Invasion der Ukraine abzubrechen, wäre das lediglich eine taktische Feuerpause: «Putin ist ein Tschekist», sagen kritisch gestimmte Russen, «und ein Tschekist macht keine halben Sachen.»
Gefürchtet für bedingungslose HärteDie Tscheka, Urmutter aller Moskauer Geheimdienste, war gefürchtet für bedingungslose Härte. Diese hat sie an ihre Nachfolgeorganisationen vererbt. Putin war KGB-Offizier, er trägt das Tscheka-Gen in der DNA. Wenn er die Ukraine als Staat im ersten Waffengang nicht zertrümmern kann, wird er einen zweiten Ukraine-Krieg führen.
Aber so weit ist es noch lange nicht. Dieser Krieg läuft schlecht für den Kreml. Aber diese vier Wochen waren nur die erste Runde. Das Gemetzel kann noch Monate dauern. Die militärische «Performance» der ehemaligen Supermacht ist jämmerlich, aber Moskaus Generäle können aus ihren Fehlern lernen. Sie können ihre Armee neu ordnen, anders aufstellen, frische Truppen mobilisieren. Und sie können auf ein Arsenal an besonders schändlichen Waffen zurückgreifen.
Warum warnt US-Präsident Joe Biden seinen als «Schlächter» verachteten Amtskollegen so lautstark vor dem Einsatz von Chemiewaffen? Weil er weiss, dass das Unvorstellbare für Putin bestens vorstellbar ist. Der Kremlchef könnte versuchen, seinen ausbleibenden Sieg mit geächteten Waffen zu erzwingen. Und wenn es Giftgas sein müsste.
Eine Charakteristik dieses Konflikts ist es, dass er meist durch die ukrainische Brille betrachtet wird.
Der Ausgang dieses Krieges bleibt aber nicht nur wegen der für jeden erkennbaren Ruchlosigkeit des Kremlchefs offen. Eine Charakteristik dieses Konflikts ist es, dass er meist durch die ukrainische Brille betrachtet wird. Jeder weiss, dass Russlands Verluste hoch sind. Über die wahre Zahl der toten oder verletzten ukrainischen Soldaten ist wenig zu hören. Fragt einer in Kiew oder Lwiw junge Männer, warum sie noch nicht bei der Armee sind, sagen sie: «Ich gehöre zur zweiten oder dritten Welle.»
Das heisst, dass die besten Einheiten bereits im Einsatz sind und dass sie Verluste erleiden. Und Moskau kann den Ausfall an Mensch und Material besser ersetzen als Kiew, kann länger durchhalten. Wenn dieser Waffengang sich zur Abnutzungsschlacht entwickelt, wird es für die Ukrainer schwieriger als für die Russen.
Schliesslich die Moral. Noch hat Moskau keine grössere Stadt eingenommen. Aber das zu Schutt gebombte Mariupol steht vor dem Fall. Wenn die russische Flagge über den Ruinen weht und den Ukrainern klar wird, wie viele Menschen sterben mussten, kann sich die Stimmung drehen. Noch ist Präsident Wolodimir Selenski der Held. Wenn er Niederlagen erklären muss, kann sich dies ändern. Das unterscheidet Putin von Selenski – der Mann im Kreml muss sich nicht rechtfertigen.
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