Aktuell:Tagebuch aus der Ukraine


11. März, Tag 16

Komisch, einen Moment lang dachte ich, es gibt keinen Krieg mehr.

12. März, Tag 17

Eins, zwei, drei. 12. März also, ein schönes Datum. Für mich ist dieses Datum zu einem schrecklichen geworden. Im Krieg gilt: Traue niemals der Stille. Und still war dieser Tag, sehr still. Am Himmel viel Sonne und keine Raketen - und diese verräterische Stille. Und mein Gefühl stimmte. Gegen 19 Uhr heulten die Sirenen. Wird bald wieder aufhören, dachte ich. Dann kamen Raketen. Raketen, die über uns flogen, so schnell und so laut und so dicht, dass ich weinen musste. Irgendwann wurde das Dröhnen leiser, die Attacke zog ein paar Orte weiter. Ich bin voller Verzweiflung, Unruhe und Angst.

13. März, Tag 18

Gestern Nacht hatte ich zwei Hosen an. Ein Sweatshirt mit einem Pulli drüber, eine Jacke und drei Decken. Und natürlich zwei Paar Socken. Ich habe im Keller geschlafen. Ich musste. Sie hören einfach nicht auf, uns zu bombardieren. Ich höre alle 30 Sekunden Explosionen. Es ist kalt dort im Keller, um den Gefrierpunkt. Es sind viele Spinnweben dort. So blöd es klingt: Ich fürchte mich vor diesen Spinnen. Ich komme mir lächerlich vor. Heute Nacht habe ich über die Menschen in Russland nachgedacht. Ja, die Sanktionen treffen sie. Es wird ungemütlich dort. Und das ist gut. Es ist besser, liebe Russinnen, liebe Russen, wenn ihr dieses Land verlasst.

Zu hören, zu sehen, zu fühlen, wie ein Haus beschossen wird, eine Schule, ein Kindergarten, das ist so schlimm. Manche Menschen schauen weg, weil sie denken, dass sie das nicht erleben werden. Aber nein, alles ist möglich. Überall - auch in Russland.

14. März, Tag 19

Ich fühle mich, als wäre mir ein Dementor begegnet. Dieser Figur aus Harry Potter, die alle positiven Gefühle oder Erinnerungen aus einer Person heraussaugt und einen als leere Hülle zurücklässt. Ich bin den ganzen Tag wie ferngesteuert herumgelaufen und gegen sieben Uhr einfach auf meinem Bett zusammengebrochen und eingeschlafen. Woher nehme ich die Kraft für den nächsten Tag? Später am Abend, gegen neun Uhr bin ich aufgewacht, wollte mich irgendwie nützlich machen. Also habe ich angeboten, die Nachtwache zu halten statt Mama oder Babuschka. Um 3.29 Uhr dann Bombenalarm. Wir ziehen wieder in den Keller, versuchen dort, weiterzuschlafen.

15. März, Tag 20

In Popasna gab es schreckliche Bombardierungen. Viele meiner Freundinnen leben dort. Nur eine von ihnen konnte ich erreichen. Ihr Name ist Sophia. Heute habe ich erfahren, dass sie zu mir in meine Stadt kommt. Zum ersten Mal seit Langem fühle ich mich glücklich. Ich werde sie morgen treffen können. Ich kann es kaum erwarten. Ich habe vielen unserer gemeinsamen Freunde Bescheid gegeben. Wir haben Tee gekauft. Ich habe sogar einen Laden gefunden, in dem ich eine Pralinenschachtel bekommen habe! Es war die vorletzte.

16. März, Tag 21

Während ich auf Sophia wartete, sprach ich mit einer Frau. Das Leben geht weiter, meinte die. Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen. Und: Wir bauen alles wieder auf.

Sophia treffe ich in einem Hotel, in dem Flüchtlinge untergebracht sind. Es war schön. Wir saßen zu zehnt zusammen, holten eine Gitarre und Süßigkeiten heraus, tranken Tee und sangen Lieder. Natürlich auf Ukrainisch, weil sie so schön klingen. Rundrum haben einige Leute einfach mitgemacht, mitgesungen.

Zwischendurch erzählte mir Sophia, was mit ihr passiert war. Am Schluss meinte sie, ihr gehe es gut. Dabei haben aber ihre Hände sehr gezittert.

17. März, Tag 22

Heute Nacht habe ich von dem Tag geträumt. So nenne ich ihn: den Tag. Ich träumte, wie ich den Tag mit Freunden und Familie feiere. "Ruhm der Ukraine!", Glückwünsche des Präsidenten, Freudentränen in den Augen jedes Ukrainers. Wir sitzen alle zusammen an einem großen Tisch, singen ukrainische Lieder und sind einfach nur unglaublich glücklich.

Die Zukunft gehört mir und meinen Freunden. Wir werden alles wieder aufbauen, weil unsere Häuser kaputt sind, aber nicht unsere Herzen. Nur die Lebensmittel wurden uns aus den Geschäften gestohlen, aber nicht die Freiheit. Und nicht Kampfflugzeuge werden im Himmel fliegen, sondern Flugzeuge mit Freunden aus der ganzen Welt.

Heute war es ruhig in unserer Stadt, es wird bald in der ganzen Ukraine ruhig werden. Hoffentlich.

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